Im Folgenden sind einige Informationen über Open Access im Bereich Physik zusammengestellt. Wenn Sie weitere Tipps und Anregungen zu diesem Bereich haben, zögern Sie nicht, uns eine E-Mail zu schicken!
In der Physik hat Open Access in seinen verschiedenen Formen eine lange Tradition und ist in einigen Bereichen fester Bestandteil der Publikationskultur.
Seit den 1960er-Jahren hat sich - zunächst in der Hochenergiephysik - eine Kultur der Bereitstellung von Preprints entwickelt, da angesichts der dynamischen Entwicklung dieses kooperativ und international organisierten Bereichs der Forschung der Zeitverzug bei einer Zeitschriftenpublikation zwischen Einreichung des Manuskripts und Veröffentlichung nicht mehr akzeptabel erschien. Seit Beginn der 1990er Jahre ist die elektronische Selbstarchivierung der Preprints so schnell vorangeschritten, dass die HEP-Forschungsliteratur der letzten zehn Jahre über Repositorien wie arXiv.org, CERN Document Server und SPIRES HEP zu über 90% frei zugänglich ist (vgl. Report of the SCOAP3 Working Party, S. 8). Die Preprints sind zum einen Teil Vorab-Versionen von Zeitschriftenartikeln, zum anderen Teil handelt es sich um (zunächst nicht anderweitig publizierte) vorläufige Ergebnisse oder Diskussionspapiere. Das thematische Spektrum hat sich in der Zwischenzeit sehr diversifiziert. So besteht arXiv.org aus ca. 125 Sektionen zu Teilbereichen der Physik und anderer Disziplinen. Trotz der Verbreitung von Preprints ist das, was in Wissenschaft, Karriere und Forschungsförderung von Bedeutung ist, weiterhin die mit dem Qualitätsstempel des Peer Review versehene Zeitschriftenpublikation.
Bei den zu arXiv.org komplementären Open-Access-Aktivitäten der "Community" im Zeitschriftenbereich spielen die von der International School for Advanced Studies (SISSA) herausgegebenen Zeitschriften eine besondere Rolle. Als erste bedeutendere Open-Access-Zeitschrift der Physik wurde 1997 die SISSA-Zeitschrift Journal of High Energy Physics (JHEP) gegründet, 2003 kam das Journal of Cosmology and Astroparticle Physics (JCAP) hinzu. Da sich das Finanzierungsmodell als nicht tragfähig erwies, wurden diese Zeitschriften (wie andere später) ab 2004 zu einem moderaten Preis beim Institute of Physics (IOP) publiziert. Im Rahmen eines seit 2007 praktizierten Mitgliedschaftsmodells sind die von Angehörigen der Mitgliedsinstitutionen publizierten Artikel des JHEP (18%), des Journal of Instrumentation (2006-) sowie seit Januar 2008 auch des JCAP frei zugänglich. Nach ersten Erfahrungen mit diesem Open-Access-Modell äußern sich die Betreiber zuversichtlich, dass der Anteil der Open-Access-Artikel in den genannten SISSA/IOP-Zeitschriften mehr und mehr zunehmen wird (vgl. Open Access in SISSA-IOP Journals, S. 2). Überdies sind alle Artikel aus IOP-Zeitschriften 30 Tage nach Erscheinen unter bestimmten Nutzungsbeschränkungen kostenfrei zugänglich.
Neben den genannten Zeitschriften gibt es mehrere reine Open-Access-Zeitschriften – davon zwei mit einem Impact-Faktor über 3 –, die sich nach bekannten Finanzierungsmodellen über Publikationsgebühren bzw. substitutiv über Mitgliedschaften finanzieren. Hierzu gehören das thematisch breit angelegte, vom IOP und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DGP) herausgebrachte New Journal of Physics (1998-), die Zeitschrift Optics Express (1997-) und das im Rahmen von PhysMath Central (einer Sektion von BioMed Central) im Oktober 2007 erschienene Journal PMC Physics A, dem im Februar 2008 PMC Physics B und im Mai 2008 PMC Biophysics gefolgt sind. Der Impact-Faktor des New Journal of Physics und die Anzahl der darin publizierten Artikel haben sich 2004 um mehr als 40% erhöht. Verantwortlich für diesen Erfolg sind neben einem gleichbleibend hohen Qualitätsstandard das Promoting von Open Access und speziell auch des New Journal of Physics durch Förderorganisationen und Institutionen (z.B. Max-Planck-Gesellschaft, Joint Information Committee, Cornell University).
Des Weiteren gibt es eine Reihe von Open-Access-Zeitschriften mit kleineren Impact-Faktoren sowie (noch) nicht im Science Citation Index ausgewertete Zeitschriften, die sich ohne Publikationsgebühren finanzieren. Die Artikel des European Journal of Physics sind nach Erscheinen 30 Tage lang frei zugänglich. Die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) weist 490 frei zugängliche Physik-Zeitschriften nach, das strengere wissenschaftliche Kriterien anlegende Directory of Open Access Journals 64 begutachtete Zeitschriften (Stand September 2008).
Mit der Umstellung eines ganzen Segments fachlicher Zeitschriften auf Open Access übernimmt die Physik erneut eine Schrittmacherrolle. Eine vom CERN angeführte Initiative sieht vor, dass eine Reihe für die Hochenergiephysik wichtiger Zeitschriften der American Physical Society (APS), des IOP und des Verlagskonsortiums Springer/EDP Sciences/Societa Italiana di Fisica zu publikationsgebührenfreien Open-Access-Zeitschriften werden. Die Finanzierung soll über ein Sponsoring Consortium for Open Access Publishing in Particle Physics (SCOAP3) erfolgen. Ein Grund für die Bevorzugung des Sponsoring-Modells gegenüber einer Finanzierung über Autorengebühren war, dass etwa 80% der relevanten HEP-Publikationen von kleinen Theorie-Gruppen mit beschränkten finanziellen Mitteln kommen. Mit dieser Strategie werden wissenschaftliche Kompetenz und Mitwirkung bei der Umgestaltung des Publikationswesens in Richtung Open Access optimal gesichert und gestärkt.
Die Artikelzahlen beziehen sich auf das Erscheinungsjahr 2007 (Quelle: Science Citation Index). Die Journal-Impact-Faktoren sind der Online-Ausgabe der Journal Citation Reports (Copyright 2008) entnommen.
Optics express
Optical Society of America, 1997-
Finanzierung: über Autorengebühren
Impact-Faktor: 3.709; Zahl der Artikel: 1.961
Prof. Dr. Eberhard Bodenschatz - Universität Göttingen, Max-Planck-Institut (MPI) Göttingen, Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), Editor-in-Chief New Journal of Physics