Open Access in der Biologie

Eine große und wachsende Zahl an Open-Access-Journalen ist ein wichtiger Bestandteil der Publikationslandschaft in der Biologie geworden. Neben Verlagen mit reinem Open-Access-Portfolio führen viele weitere Verlage Open-Access-Fachzeitschriften oder bieten Hybridmodelle an. In der Nutzung von Preprint-Repositorien hinkt die Biologie anderen Disziplinen noch hinterher. Außer den Publikationen in Fachzeitschriften ist der Zugang zu Daten durch eine Vielzahl an Repositorien und Datenbanken gegeben.

Open-Access-Zeitschriften

Das Directory of Open Access Journals listet (Stand Februar 2015) mehr als 400 Open-Access-Journale im Bereich Biologie. Auf Grund dieser Fülle werden im Folgenden nur ausgewählte Vertreter und neue Entwicklungen beschrieben.

Eines der Zugpferde der Open-Access-Bewegung in der Biologie ist der Verlag Public Library of Science (PLOS). Mit dem 2003 gestarteten Journal PLOS Biology setzte er einen Grundstein für die Verbreitung des Open-Access-Gedankens in den Lebenswissenschaften. Neben PLOS Biology werden mittlerweile auch weitere, spezialisierte Journale wie zum Beispiel PLOS Computational Biology oder PLOS Neglected Tropical Diseases von ihm betrieben. Einer der bekanntesten Vertreter aus dem Hause PLOS ist das Journal PLOS ONE, das in seinen ersten 7 Jahren mehr als 100000 Artikel publiziert hat und nach Anzahl der jährlich publizierten Artikel die weltweit größte wissenschaftliche Zeitschrift ist. Ein wichtiges Merkmal von PLOS ONE ist, dass eingereichte Manuskripte ausschließlich auf Basis ihrer wissenschaftlichen Validität bewertet und nicht auf Grund mangelnder Relevanz abgelehnt werden, wie bei vielen anderen Journalen üblich. PLOS ONE stellt somit den Prototypen der sogenannten Megajournale dar - ein Modell, das mittlerweile von vielen anderen Verlagen adoptiert wurde (e.g. Scientific Reports der Nature Publishing Group oder Open Biology der Royal Society). BioMed Central ist ein weiterer Verlag mit Open-Access-Vorreiterrolle, der eine Vielzahl von Journalen wie zum Beispiel BMC Biology betreibt und Mitbegründer der Open Access Scholarly Publishers Association ist. Die Hindawi Publishing Corporation, die ebenfalls zahlreiche Journale in den Lebenswissenschaften betreibt, stellte bis 2007 alle ihre Fachzeitschriften auf Open-Access um. 2012 wurde vom Howard Hughes Medical Institute, der Max-Planck-Gesellschaft und dem Wellcome Trust das Journal eLife gegründet. Dieses soll durch hohe Selektivität der Publikationen als Open-Access-Flaggschiff eine hochqualitative Alternative zu dem Dreigestirn Nature, Science und Cell bieten. Daneben gibt es auch auf die Lebenswissenschaften spezialisierte Open-Access-Verlage wie Pensoft Publishing, dessen Zeitschriften stark mit Datenbanken wie ZooBank, IPNI und GBIF integriert sind und dessen Biodiversity Data Journal komplett XML-basiert ist. Auch einige Zeitschriften des auf die Geowissenschaften fokussierten Open-Access-Verlages Copernicus Publications decken Teilbereiche der Biologie ab, so zum Beispiel Biogeosciences and Fossil Record.

Ein in der Open-Access-Diskussion häufig aufgeführter Kritikpunkt sind die hohen Kosten, die Autoren für Open-Access-Artikel zahlen müssen (z.B. 1350 USD / 2900 USD für eine Publikation in PLOS ONE bzw. PLOS Biology). Das 2012 gegründete Open-Access-Journal PeerJ fordert die Branche mit seinem neuen Geschäftsmodell und sehr geringen Autorenkosten heraus. Anstelle von Zahlungen pro Artikel wird bei PeerJ ein einmaliger Beitrag verlangt, der zu einer lebenslangen Mitgliedschaft führt. So kann bei einer Zahlung von 99 USD ein Artikel pro Autor und Jahr publiziert werden (bei 199 USD sind es 2 Artikel pro Jahr, bei 299 USD unbegrenzt viele). Allerdings muss jeder Autor eines PeerJ-Artikels eine solche Mitgliedschaft besitzen. Bei mehr als 12 Autoren, müssen nur 12 Mitglieder sein. Im allgemeinen können durch dieses Modell die Publikationskosten enorm verringert werden. Zahlreiche Organisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft haben institutionsweite Verträge mit dem Verlag abgeschlossen. PeerJ bietet zudem, wie viele Zeitschriften von BioMed Central oder Copernicus auch, die Möglichkeit des offenen Peer-Reviews an. Bei Zustimmung der Gutachter und Autoren werden hierbei die Gutachten öffentlich einsehbar gemacht. Eine Open-Access Zeitschrift, die den Peer-Review-Prozess gänzlich transparent macht, ist F1000 Research. Bei diesem offenen Post-Publication-Peer-Review werden die Einreichungen nach minimaler Bewertung und Bearbeitung durch einen Editor publik gemacht und dann öffentlich von eingeladenen Reviewern nicht-anonym begutachtet. Jede Begutachtung wird sofort nach Erhalt öffentlich gemacht. Auch bei ScienceOpen wird auf ein Post-Publication-Peer-Review-Modell gesetzt. Gleichzeitig wurde sich noch weiter von dem klassischen Modell der Journale entfernt. So wurden Elemente von sozialen Netzwerken eingebaut und kollaboratives Arbeiten ermöglicht.

Disziplinäre Repositorien

Die Nutzung von Preprints in den Biowissenschaften ist bisher leider noch nicht so verbreitet wie in anderen Disziplinen wie zum Beispiel der Physik. Dennoch gibt es mittlerweile neben der Veröffentlichung auf Gruppenwebseiten oder Universitätsrepositorien einige Möglichkeiten, den grünen Open-Access-Weg zu beschreiten. Der von der Cornell-University-Library betriebene Preprint-Server arXiv besitzt seit einigen Jahren den Abschnitt Quantitative Biology mit 11 Kategorien. Seit 2013 bietet das Cold Spring Harbor Laboratory den speziell auf die Biowissenschaften ausgerichteten Preprint-Server bioRxiv an. Des weiteren unterhält PeerJ seinen eigenen Preprint-Server namens PeerJ PrePrints.

Die größten Anlaufstellen für Postprint-Versionen von Publikationen sind PubMed Central und Europe PubMed Central. Die US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) fordern, dass von allen Publikationen, die aus NIH geförderten Projekten entspringen, eine digitale Version nach spätestens 12 Monaten in PubMed Central zugänglich ist. Aus diesem Grund sind bei PubMed Central mittlerweile eine große Zahl an Artikeln zu finden. Diese müssen nicht unter einer offenen Lizenz stehen, noch müssen sie im Open-Access-Subset sein, das separat bezogen und durchsucht werden kann.

Neben Artikel-Repositorien sind zahlreiche Datenbanken wichtige Werkzeuge im Alltag der Forscher in den Biowissenschafen. So bieten besonders das National Center for Biotechnology Information (NCBI) wie auch das European Bioinformatics Institute (EBI) über Webseiten und Programmierschnittstellen (API) strukturiert Zugriff auf verschiedene Datenkollektionen, wie zum Beispiel von Sequenzen und Strukturen von Biomolekülen wie DNA, RNA und Proteinen, Stoffwechselwegen und vieles mehr. Das re3data (Registry of Research Data Repositories) listet für den Bereich Biologie mehr als 400 begutachtete Repositorien (Stand Februar 2015). Neben solchen spezialisierten Repositorien ermöglichen Plattformen wie Zenodo, figshare oder Dryad sonstige Forschungsdaten, für die es keine spezifischen Repositorien gibt (der sogenannte "Long tail der Wissenschaft"), langfristig öffentlich zugänglich zu machen.

Recherchieren in der Biologie

MEDLINE ist eine Literaturdatenbank, die ursprünglich zur Indizierung medizinischer Literatur entwickelt wurde, mittlerweile aber den Großteil der Literatur-Metadaten biowissenschaftlicher Journale beinhaltet. Die zugehörige Suchmaschine PubMed besitzt (leider gut versteckte) Möglichkeiten, ausschließlich Open-Access-Artikel zu listen. Auch alternative Suchmaschinen für MEDLINE wie GoPubMed oder fachübergreifende Literatursuchmaschinen wie BASE (Bielefeld Academic Search Engine) bieten solche Filtermöglichkeiten.

Akteure

Es zeichnet sich ab, dass die großen Geldgeber fachunabhängig die Vorteile von Open-Access-Publikationen wie auch von offen lizenzierter Forschungsergebnisse und -daten erkennen. Alle großen deutschen Forschungsorganisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz und die Helmholtz-Gemeinschaft zählen zu den Erstunterzeichnern der Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Diese wurde zudem von zahlreichen anderen Forschungsinstitutionen und Universitäten außerhalb Deutschlands signiert. Die DFG hat im November 2014 einen Appell zur Nutzung offener Lizenzen in der Wissenschaft verfasst. Von Seiten der biologischen Fachgesellschaften in Deutschland ist bisher leider vergleichsweise wenig Engagement zu erkennen. Andere Gruppierungen sind da schon weiter. So betreibt zum Beispiel die American Society for Microbiology mit mBio ein in der Gemeinschaft angesehenes Open-Access-Journal. Auch der Vorstoß der NIH, einen öffentlichen Zugang von Artikeln der von ihr geförderten Projekte spätestens 12 Monaten nach Publikation zu verlangen, ist zumindest ein erster Schritt, die Resultate öffentlich finanzierter Forschung langfristig und breit zugänglich zumachen.

In den biowissenschaftlichen Studiengängen fehlen die Themen "Open Access" und "offene Lizenzen" im allgemeinen. Hier müssten sich die Universitäten in der Pflicht sehen, dafür zu sorgen, dass Grundlagen (etwa die Bedeutung von Nachnutzungsrechten und Creative Commons-Lizenzen) angehenden Wissenschaflern ausreichend vermittelt werden. Das Unwissen rund um die verschiedenen Lizenzierungsmodelle führt zu Fehlentscheidungen und wird von einigen Verlagshäusern genutzt, um die Linien zwischen Open-Access und "nur" kostenlosem Zugang, d.h. ohne die Rechte auf Nachnutzung, zu verwischen (sogenanntes "Open-Washing").

Open Science

Open Access bezieht sich im wesentlichen auf die Öffnung der formellen wissenschaftlichen Publikationen, was im allgemeinen die letzte Station des Forschungsprozesses darstellt. Auf dem Weg dorthin fallen allerdings viele weitere Informationen an, die der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen bleiben. Dass nur ein Bruchteil der generierten Information publiziert wird, kann als historischer Artefakt gesehen werden. Vor der Etablierung digitaler Technologien wie dem Internet war Datenspeicherung- und Weitergabe viel kostspieliger als heute. Unter dem Begriff "Open Science" versammelt sich in den letzten Jahren eine Bewegung, die versucht, die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen, um alle Teile des Wissenschaftsprozesses öffentlich zugänglich zu machen. Dabei sind Nachnutzbarkeit, Transparenz und Reproduzierbarkeit wichtige Ziele, die zu qualitativ besserer Forschung und einer effektiveren Nutzung von Forschungsgeldern führen sollen. Hierzu gibt es in den Biowissenschaften wie auch fachübergreifend viele Projekte, die sich graswurzelhaft aus den unterschiedlichen Gemeinschaften entwickeln und verschieden Aspekte des Wissenschaftsprozesses angehen. So sollen zum Beispiel mehr Forschungsdaten (Open Data), Quellcode von Programmen (Open Source), Laborjournale (Open Notebook Science) wie auch die Begutachtung von Manuskripten (Open Peer Review), Lehrmaterialien (Open Education Resources), die Quantifizierung des Einflusses von Publikationen (Open Metrics) und Fördergeldanträge mit ihren Gutachten öffentlich online zugänglich gemacht werden. Open Science beinhaltet aber auch die Öffnung der wissenschaftlichen Tätigkeit für Laien (Citizen Science). Neben Gruppierungen wie der Open Science Arbeitsgruppe von Open Knowledge, dem Center for Open Science oder Mozilla Science Labs sehen auch einige Journale den Bedarf, die Transparenz der Forschung zu erhöhen. So fordert zum Beispiel PLOS ONE seit 2014, dass alle zu einer Studie gehörenden Daten mit der Publikation zugänglich gemacht werden. PLOS Biology und PLOS Genetics unterstützen die Research Resource Identification Initiative, mit deren Hilfe Forschungsmaterialien und Methoden eindeutige Kennungen erhalten.

Es ist deutlich zu erkennen, dass bei weitem noch nicht alle technischen Potentiale ausreichend genutzt werden, um einen effektiven Wissensaustausch zu gewährleisten. Diese Lücke zwischen Möglichkeiten und tatsächlicher Umsetzung lässt sich durch die unveränderte Bewertung von Wissenschaftlern und ihrer Arbeiten bei Stellen- und Mittelvergaben begründen. Hierfür wird im allgemeinen nur auf die formalen Publikationen in Fachzeitschriften und den mit vielen inhärenten Schwächen versehenen Impact Factor zurückgegriffen. Diese Praxis reduziert die Motivation, Ergebnisse, Daten und Methoden frühzeitig zu veröffentlichen und verhindert somit deren breitere und schneller Nutzung durch andere. An dieser Stelle wäre von Seiten der großen Forschungsgesellschaften, der biologischen Fachgesellschaften wie auch der Universitäten ein Umdenken in der Evaluation zu wünschen. Es müssen, neben der Bereitstellung der nötigen Infrastruktur, Anreize geschaffen werden, die Resultate wissenschaftlichen Arbeitens möglichst früh und frei von technischen und rechtlichen Barrieren öffentlich zugänglich zu machen.

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Dr. Konrad Förstner