Open Access in der Chemie

Akzeptanz und Verbreitung von Open Access sind in der Chemie immer noch weniger weit fortgeschritten als beispielsweise in der Physik oder der Biologie. Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig und liegen sicherlich auch in der Entwicklung der Fachcommunity begründet. Einige wenige Akteure aus der wissenschaftlichen Community haben das Thema jedoch schon auf ihre Agenda genommen und engagieren sich für eine weitere Umsetzung der Open-Access-Idee in der Chemie. Zu nennen wäre hier v. a. Peter Murray-Rust aus der University of Cambridge, der sowohl im Bereich Open Access als auch „open data“ (im Sinne von offenem Zugang zu Forschungsdaten) aktiv ist.

Einige, auch in der Chemie führende Verlage bieten bereits reine Open-Access-Zeitschriften oder zumindest Open-Access-Optionen für einzelne Artikel in Abonnementzeitschriften (hybride Zeitschriften) an.

Open-Access-Zeitschriften

Im Directory of Open Access Journals (DOAJ) finden sich für das Fach Chemie derzeit nicht mehr als 200 Open-Access-Zeitschriften und damit nur etwa halb so viele wie z.B. in den Lebenswissenschaften/Biologie.

Im folgenden Text wird nur eine Auswahl an Chemie Zeitschriften mit Open-Access-Modellen vorgestellt, um einen kleinen Einblick in die Vielfalt der Modelle und der verschiedenen Zeitschriften zu geben. Auffallend dabei ist, dass zwar nur wenige Verlage, darunter aber einige große und für die Chemie durchaus relevante Verlage Open-Access-Zeitschriften anbieten. Es scheint, als wäre den Verlagen durchaus bewusst, wie relevant das Thema Open Access in einer Fachcommunity werden kann und als setzen sie diesen Aktivitäten der Möglichkeit alternativer Publikationsmodelle entgegen. Nicht zuletzt scheinen die Open-Access-Kostenmodelle der Verlage attraktive und lukrative Geschäftsmodelle zu sein.

  • Eine der bereits seit Beginn der Open-Access-Bewegung elektronisch frei zugänglichen Zeitschriften ist ARKIVOC (Archive for Organic Chemistry). Die Artikel decken den Bereich der organischen Chemie ab inkl. Bereiche aus der bioorganischen und der metallorganischen Chemie. Die Zeitschrift wird im Verlag ARKAT USA publiziert und hat nach Journal Citation Reports (JCR) einen Impact Factor von 1.076 (JCR Stand 2013). Sowohl die Einreichung eines Artikels bei ARKIVOC, als auch die Publikation ist für die Autorinnen und Autoren mit keinen weiteren Kosten verbunden.
  • Das Beilstein Journal of Organic Chemistry (BJOC) erscheint seit 2005 im Open Access. Es deckt ebenfalls den Bereich der organischen Chemie ab und wird vom Beilstein Institut herausgegeben. Für die Artikeleinreichung werden keine Einreichungs- oder Publikationsgebühren von den Autoren verlangt, da die Zeitschrift komplett über das Beilstein Institut finanziert wird. Alle veröffentlichten Artikel erscheinen unter einer Creative Commons Namensnennung Lizenz (CC BY). Es findet kein Copyrighttransfer zum Verlag statt, und die Urheber/innen erlauben dem Verlag sowie allen Dritten den Artikel zu nutzen, zu vervielfältigen und zu verbreiten sowie zu bearbeiten. Der Impact Factor liegt laut JCR(2013) bei 2.820.
  • Seit 2007 erscheint die Open-Access-Zeitschrift Chemistry Central. Sie deckt nahezu den gesamten Bereich der Chemie in peer-review Artikeln ab. Alle Artikel werden unter einer Creative Commons Namensnennung Lizenz (CC BY 4.0) veröffentlicht. Kosten für die Artikel werden über eine sogenannte Article Processing Charge (APC) gedeckt, die vom Autor getragen werden muss. Die Gebühr beträgt $1150, $1800 oder €1465 für jeden zur Publikation akzeptierten Artikel. Chemistry Central ist Teil der Springer Science+Business Media und hat derzeit einen Impact Factor von 1.66.
  • Die seit 2011 erscheinende Open-Access-Zeitschrift Catalysts – Open Access Catalysis Journal deckt die Bereiche der physikalischen und theoretischen Chemie ab. Die Zeitschrift wird herausgegeben vom MDPI (Multidisciplinary Digital Publishing Institute) mit Sitz in Basel, Schweiz. Alle Artikel werden unter einer Creative Commons Namensnennung Lizenz (CC BY 4.0) veröffentlicht. Von den Autor/innen wird hier ebenfalls eine Gebühr in Form der Article Processing Charge (APC) verlangt. Die Gebühren betragen pro veröffentlichten Artikel 1000 CHF (Schweizer Franken), wobei jeder Artikel einen Peer-Review Prozess durchläuft.
  • Im Januar 2015 hat die Royal Society of Chemistry (RSC) ihre seit 2010 bestehende Zeitschrift „Chemical Science“ auf das Open-Access-Gold-Modell umgestellt. Der Impact Factor der Zeitschrift liegt bei 8.601 (JCR Stand 2013). Die Kosten in Form von APC liegen pro Artikel zwischen 1000-2500 britischen Pfund, je nachdem welche Art (Communications, Technical Notes, Primary Paper, Review) von Artikel publiziert wird. Artikel, die im Jahr 2015 und 2016 publiziert werden, sind für die Autor/innen kostenfrei. (Mitunter scheinen die Verlage mit Hilfe dieser Methode Anreize für Autor/innen zu schaffen ihre Artikel im Open Access zu publizieren).
  • Die bei Wiley gehostete Zeitschrift ChemistryOpen  der europäischen Vereinigung chemischer Fachgesellschaften (ChemPubSoc Europe) ist eine ebenfalls seit 2012 nach dem Open-Access-Gold-Modell herausgegebene Zeitschrift. Publikationskosten für Artikel liegen hier bei 2500€ bzw. bei 500€ für Dissertationen mit der Möglichkeit von 20% Rabatt für Mitglieder. Artikel in ChemistryOpen werden unter einer Creative Commons Namensnennung Nicht-kommerziell Lizenz (CC BY-NC) veröffentlicht. Auf Grund des erstmals erreichten Impact Faktors von 2.938 können bis Juni 2015 Artikel kostenlos veröffentlicht werden.
  • Die ebenfalls von der europäischen Vereinigung chemischer Fachgesellschaften (ChemPub Soc Eu) herausgegebene und bei Wiley gehostete Zeitschschrift ChemPlusChem bietet mit der onlineOpen Option ein hybrides Open-Access-Modell an. Publikationskosten in Form von Article Processing Charge (APC) liegen zwischen 3500€ für reviewed und 2500€ für andere Artikel. Ohne Copyright-transfer zum Verlag, können Autoren zwischen verschiedenen Creative Commons Lizenzen (CC BY-NC-ND, CC BY-NC, CC BY wenn von Förderern verlangt) wählen. Der bisher erreichte Impact Faktor beträgt 3.242 (JSI 2013).

Häufiger Kritikpunkt im Bezug auf das Open-Access-Publizieren sind die hohen Kosten, die für Artikelpublikationen meist in Form von APCs anfallen. Jedoch können die vom Autor zu tragenden Kosten für Open-Access-Artikel häufig direkt über sogenannte Open-Access-Publikationsfonds refinanziert werden. Des Weiteren werden oftmals Befürchtungen geäußert, dass Peer-Review-Prozesse nicht oder nur unzureichend durchlaufen werden und damit die Qualität der veröffentlichten wissenschaftlichen Ergebnisse leidet. Allerdings haben die meisten Open-Access-Zeitschriften, vor allem die der großen für die Chemie relevanten Verlagen, bereits sehr fundierte Peer-Review-Prozesse etabliert. Grundsätzlich spricht also nichts dafür, dass Peer-Review-Prozesse bei Open Access qualitativ schlechter sind als beim traditionellen Closed Access.

Disziplinäre Repositorien

Eine Übersicht zu relevanten Repositorien kann bei dem Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR), beim Registry of Open Access Repositories (ROAR) und bei Open-Access-Repository Ranking eingesehen werden (OARR).

Für die Chemie interessante institutionelle Repositorien sind beispielsweise der Publikationsserver des Forschungszentrum Jülich – JUWEL, die Publikationsdatenbank des Forschungszentrums Helmholtz-Zentrum Geesthacht oder auch der Publikationsserver vom Helmholtz-Zentrum Rossendorf. Zu beachten ist hierbei immer, dass sich hier ausschließlich Publikationen aus dem jeweiligen Institut finden und keine Original-Artikel der kostenpflichtigen Zeitschriften. Möglich ist aber, dass sich hier Verlags-, Preprint- oder Reprint-Publikationen finden, die über den grünen Weg als Zweitveröffentlichung auf den Server des Instituts abgelegt wurden.

Viele auch für die Chemie relevante Publikationen können auf dem Postprint-Server PubMed Central. Hier finden sich Volltexte von Publikationen aus dem Bereich der Biomedizin und den Lebenswissenschaften (u. a. Biochemie, medizinische Chemie).

Für den Bereich der Forschungsdaten bietet das Registry of Research Data Repositories eine erste Anlaufstelle, um ein geeignetes Forschungsdaten-Repositorium zu finden. Ergänzende Informationen zum Thema „offener Zugang zu Forschungsdaten“ findet sich auch im Abschnitt Open Science (Ankerlink zum letzten Abschnitt)

Recherchieren in Chemie

In der Regel wird innerhalb der Chemie über einige wenige kostenpflichtige Datenbanken recherchiert (SciFinder von CAS, Reaxys). Zwar finden sich in diesen Datenbanken viele relevante Artikel, jedoch meist in ebenfalls kostenpflichtigen Zeitschriften. Die wenigen frei zugänglichen Datenbanken enthalten dagegen zwar einen offenen Zugang zu aber oft nur einem kleinen Ausschnitt relevanter Artikel. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Blick über den gewohnten Recherchealltag hinaus.

Je nachdem, aus welchem chemischen Bereich man Literatur sucht bzw. welche Arten von Dokumenten gesucht werden, gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte.

Werden z. B. ausschließlich Patentdokumente gesucht, bietet die Datenbank esp@cenet einen guten Startpunkt. Sie ist ein Dienst des Europäischen Patentamtes und enthält Patentdokumente sowie -informationen, welche bis zum Jahr 1920 zurückreichen.

Die freie Datenbank PubChem vom National Center for Biotechnology Information (NCBI) bietet die Möglichkeit zur Recherche nach chemischen Verbindungen. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf Informationen zur biologischen Aktivität kleiner Moleküle. Neben einer Textsuche wird auch eine für die Chemie gebräuchliche Struktursuche angeboten. Die Publikationen, in denen die gesuchten Verbindungen zitiert bzw. enthalten werden, können dann in der Datenbank PubMed angezeigt werden. Allerdings enthält PubMed nicht nur die Open-Access-Artikel aus PubMed Central, sondern auch weitere, ggf. kostenpflichtige Artikel.

Akteure

Die Open-Access-Entwicklungen im Fach Chemie kommen nur sehr zögerlich in Gang. Da viele Wissenschaftler/innen noch sehr unsicher sind im Umgang mit Open-Access-Publikationen, sehen viele für die Chemie relevante Verlage möglicherweise noch wenig Handlungsbedarf, Open Access in der Chemie weiter voranzutreiben. Zwar hat die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) im Dezember 2013 ein Positionspapier zur „Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens“ [s. Literatur] veröffentlicht, empfiehlt darin jedoch zunächst den grünen Open-Access-Weg. Weiterhin werden im Positionspapier Kriterien gelistet, welche die wissenschaftlichen Publikationen auf hohem qualitativem Niveau halten sollen. Dennoch begrüßt die GDCh „neue Ansätze im Publikationswesen wie Open Access, wenn sie vorteilhaft sind für die Wissenschaft und auf einem soliden Geschäftsmodell beruhen“ [GDCh Newsletter – 12.12.2013]

Open Science

Das Thema Open Science und darin enthalten auch das Thema „Open Data“ im Sinne von offenem Zugang zu Forschungsdaten wird in der Chemie weitestgehend nicht oder nur wenig behandelt. Wie schon eingangs erläutert gibt es einige wenige Vorreiter in diesem Gebiet, jedoch ist sich die Thematik noch nicht sehr weit verbreitet. Kleine Lichtblicke, existieren allerdings und das auch schon bereits seit langer Zeit im Bereich der Kristallographie. Das Cambridge Crystallographic Data Centre (CCDC) sowie die Crystallography Open Database (COD) bieten einen bereits in dieser Community etablierten Zugang zu kristallographischen Daten.

Im Bereich der NMR-Spektroskopie findet sich die eine oder andere offene Datenbank (zum Beispiel die Spectral Database for Organic Compounds) zu Suche nach und Vergleich von Spektrendaten. Allerdings beschränkt es sich hierbei meist mehr um die Abbildung von Spektren und weniger um die eigentlichen aufgenommenen Datenpunkte.

Im DFG-geförderten Projekt RADAR soll erstmals ein Datenrepositorium aufgebaut und etabliert werden, welches Daten aus dem Bereich der NMR-Spektroskopie als auch aus dem bildgebenden Verfahren 2D-DIGE archiviert, publiziert und offen zugänglich macht. Für die Chemie kann dieses Repositorium eine Lücke im Bereich der Publikation von Forschungsdaten schließen, selbst wenn RADAR selbst anstrebt ein interdisziplinäres Daten-Repositorium zu sein.

Eine Plattform für Zusammenarbeit bezüglich Lehrmaterialien für die Chemie (Tutorien und Experimente) bietet das von der Royal Society of Chemistry (RSC) betriebene Learn Chemistry Wiki. Dabei können sowohl eigenen Materialien hochgeladen und damit geteilt werden als auch andere Materialien ergänzt werden. Alle Materialien werden hier unter einer CC BY-NC-SA 3.0 Lizenz abgelegt.

Literatur

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Dr. Janna Neumann