Open Access in der Geschlechterforschung

Als wissenschaftliches Feld, in dem sowohl disziplinär als auch inter- und transdisziplinär gearbeitet wird, verfügt die Geschlechterforschung über keine einheitliche Veröffentlichungspraxis. Die dominierenden Publikationsmodelle der involvierten Fachdisziplinen sind maßgeblich. Die in einigen Verlagen in Form von Zeitschriften bzw. Buchreihen existierenden Disziplinen übergreifenden Veröffentlichungsorte sind überwiegend von den eher traditionellen Gepflogenheiten der Sozial- und Geisteswissenschaften geprägt.

Die Chancen elektronischen Publizierens und insbesondere von Open Access werden entsprechend in der Geschlechterforschung noch wenig genutzt. Insbesondere ist die Bereitschaft, die in anderen wissenschaftlichen Feldern entwickelten und teilweise etablierten Musterlösungen für die Veröffentlichung von Zeitschriften und Monografien zu übernehmen, gering ausgeprägt. Die Gründe dafür sind u.a. in dem Risiko zu sehen, in einem teilweise noch um seine wissenschaftliche Anerkennung kämpfenden Wissenschaftsfeld mit neuen Publikationsmodellen zu experimentieren und dadurch mit Vorbehalten auf zusätzlichen Ebenen konfrontiert zu sein.

Es gibt in der deutschsprachigen Geschlechterforschung erst wenige Open-Access-Publikationen, insbesondere auch bei Zeitschriften. Teilweise stellen Zeitschriften einzelne Beiträge zum kostenlosen Zugriff bereit. Einschlägige Verlage stellen unselbstständige Veröffentlichungen nach einer Embargofrist kostenfrei, etwa der Barbara Budrich Verlag die Beiträge der Zeitschrift „Gender“ (zwei Jahre nach Erscheinen).

Open-Access-Veröffentlichungen von Monographien (Erstveröffentlichungen) sind selten, und echte Open-Access-Buchreihen mit einem Schwerpunkt in der Geschlechterforschung nicht bekannt. International erscheinen die meisten Publikationen zur Geschlechterforschung in großen kommerziellen Verlagen und sind in aller Regel nicht frei verfügbar. Zunehmend bieten Verlage Open-Access-Optionen für die Autorinnen und Autoren bei Zahlung von Zusatzgebühren an, die allerdings von Geschlechterforscherinnen und –forschern eher selten genutzt werden.

Open-Access-Publizieren bietet jedoch gerade für die Geschlechterforschung enorme Chancen: Nach wie vor sind die Ergebnisse der Geschlechterforschung noch Rezeptionssperren ausgesetzt (aufgrund von Vorbehalten gegenüber der Geschlechterforschung und aufgrund der uneindeutigen Verortung). Open-Access-Publikationen können durch die mögliche größere Sichtbarkeit und den direkten Zugriff auf Volltexte diese Sperren überwinden, aus der momentanen Nische heraustreten und so ihre Qualität belegen. Die erhöhte Sichtbarkeit führt aller Voraussicht nach auch zu einem höheren Qualitätsdruck.

Der Bedarf ist auch von Seiten der in der Geschlechterforschung tätigen Wissenschaftler/innen vorhanden: Aufgrund der Umstellung der Förderpraxis bei Druckkostenzuschüssen, aber auch aufgrund der Faszination, die von den neuen technischen Möglichkeiten ausgeht, ist eine vermehrte Nachfrage nach alternativen Publikationsmodellen und -orten zu verzeichnen.

In dem von der DFG geförderten Projekt Geschlechterforschung und Open Access. Ein Publikationsmodell für ein inter-/transdisziplinäres Forschungsfeld an der Freien Universität Berlin (1. Mai 2011- 15. Nov. 2012) wurden die Chancen und Anforderungen an Open-Access-Publikationen in der Geschlechterforschung analysiert. Die Ergebnisse sind ambivalent: Zwar sind alle für die Umsetzung eines exemplarischen qualitätsgesicherten Open-Access-Publikationsangebots notwendigen technischen und rechtlichen Möglichkeiten vorhanden, gleichzeitig sind jedoch die Möglichkeiten für selbständige, nicht-kommerzielle, den Anforderungen kleinerer wissenschaftlicher Bereiche angepasste Lösungen – nicht zuletzt durch das steigende kommerzielle Interesse großer Verlage an Open Access – geschrumpft. Open-Access-Veröffentlichungen und elektronische Publikationsabläufe bringen zusätzliche Anforderungen mit sich, z.B. klare Rollenteilungen, Rechteklärungen, Anpassung an disziplinen- und länderübergreifende Standards. Diese zusätzlichen Anforderungen werden oft als Überforderung wahrgenommenIn dieser Situation ist es sinnvoll, anstelle großer zentraler Lösungen „Leuchtturmprojekte“ auf den Weg zu bringen und die Community sukzessive an neue Formen des Publizierens heranzuführen.

Open-Access-Zeitschriften

Bekanntere Zeitschriften in Deutschland, die für die Geschlechterforschung einschlägig sind, sind in aller Regel nicht frei (weder Open Access noch nur kostenfrei) nutzbar. Dies gilt etwa für die Zeitschriften Feministische Studien, Frauen Kunst Wissenschaft (jeweils herausgegeben von Fördervereinen), femina politica, Freiburger GeschlechterStudien (Verlag Barbara Budrich). Die Zeitschrift Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich) stellt seit kurzem ihre Beiträge nach einer zweijährigen Embargofrist kostenfrei zur Verfügung. Kostenfrei lesbar (mit sehr unklaren Angaben zu Urheber- und Nutzungsrechten) sind etwa IFF OnZeit und onlinejournal kultur & geschlecht. Als echte Open-Access-Zeitschriften erscheinen die Rezensionszeitschrift querelles-net sowie QJB (Querelles. Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung).

Auch im internationalen Bereich sind die meisten Zeitschriften aus der Geschlechterforschung, die in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek nachgewiesen sind (unter dem Stichwort „Gender“ verzeichnet die Datenbank aktuell mehr als 180 Zeitschriften), nur eingeschränkt les- und nutzbar.  Das DOAJ listet unter dem Stichwort „Gender“ aktuell 70 elektronisch erscheinende Zeitschriften (mit mehr oder weniger großen Schwerpunktsetzungen im Bereich der Geschlechterforschung) auf. Nur in 29 dieser Zeitschriften werden die Beiträge jedoch unter Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht, lediglich 15 Zeitschriften verwenden die Lizenz CC BY 3.0:

Disziplinäre Repositorien

Die Schwierigkeiten bei der disziplinären Einordnung der Geschlechterforschung wiederholen sich auch in Bezug auf Publikationsorte: Explizit für die Geschlechterforschung ausgewiesene Open-Access-Repositorien gibt es bislang nicht (vgl. die Einträge des Verzeichnisses OpenDOAR). Selbst bei guter Metadatenerfassung erfordert eine Recherche stets das Verfolgen unterschiedlicher Suchstrategien mit verschiedenen Speicherorten, Schlagworten und Disziplinen. Disziplinäre Repositorien aus umgebenden Disziplinen machen vielfach Texte zur Geschlechterforschung zugänglich, vgl. etwa SSOAR. In institutionellen Repositorien finden sich je nach Ausrichtung der Institution Texte zur Geschlechterforschung (etwa auf dem Dokumentenserver der London School of Economics and Political Science oder – wenige Texte – dem Dokumentenserver der Humboldt Universität zu Berlin). Übergreifende Suchen können z.B. mittels OAIster und BASE oder bei verschiedenen Seiten zu Digitalisaten (etwa gdz oder zvdd) durchgeführt werden.

Um dieser Situation abzuhelfen und die Ergebnisse der Geschlechterforschung langfristig verfügbar zu machen, plant eine Projektgruppe unter Beteiligung der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Technischen Universität Berlin auf der Grundlage eines DFG-Antrags den Aufbau eines fachlichen Repositoriums zur Geschlechterforschung auf der Grundlage bestehender Technologien. Dieser Speicherort soll zugleich eine Plattform für freies Publizieren in diesem wissenschaftlichen Feld im Sinne eines „Leuchtturmprojekts“ darstellen, mit dem die Publikationsmodelle innerhalb eines Feldes modernisiert werden, in das stark traditionelle disziplinäre, aber auch inter- und transdiziplinäre Forschungs- und Veröffentlichungsverfahren hineinwirken.  Mit Hilfe dieses Repositoriums soll das community building für die Geschlechterforschung, eine Stärkung ihrer Identität und ihres Zusammenhalts erreicht werden, ohne dass die Frage, ob die Geschlechterforschung selbst eine Disziplin oder Teil aller Disziplinen sein sollte, entschieden werden muss. Zugleich ermöglicht das Repositorium, eine Brücke zu schlagen zwischen der inzwischen mehre Jahrzehnte umfassenden Forschungsgeschichte der Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland und ihrer Zukunftsfähigkeit als anerkanntes, sichtbares und gut vernetztes Forschungsgebiet. Die Erfahrungen beim Aufbau des Repositoriums sollen für andere inter- und transdisziplinäre Felder nutzbar gemacht werden.

Recherchieren in der Geschlechterforschung

Da es bisher wenige explizite Open-Access-Projekte in der Geschlechterforschung gibt, soll ersatzweise auch auf Datenbanken, Textsammlungen und Informationsangebote hingewiesen werden, die (teilweise unfreie) elektronische Publikationen enthalten bzw. nachweisen. Neben den kostenpflichtig nutzbaren und kostenfreien, aber nur eingeschränkt nutzbaren Zeitschriften betrifft dies insbesondere den Bereich von Datenbanken und Archiven. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Geschichte weiblicher Intellektualität und der (Wieder-)Entdeckung von Schriftstellerinnen und Künstlerinnen werden seit einiger Zeit sowohl im deutschsprachigen als auch im anglo-amerikanischen Raum Archivbestände und gemeinfreie Texte online zur Verfügung gestellt sowie Datenbanken angelegt, die einen besseren Zugang und Überblick über das in Bibliotheken und Archiven vorhandene Material ermöglichen, z.B.:

Daneben existieren Datenbanken zur Frauen- und Geschlechterforschung bzw. zur feministischen Theoriebildung sowie Portale, die einen besseren Zugang zu einschlägigen Bibliotheksbeständen und Neuerscheinungen bieten, z.B.:

  • Datenbank KVINNSAM – Universität Göteborg
  • Genderbibliothek oder Informations- und Dokumentationsstelle (IuD) des ZtG an der Humboldt Universität Berlin

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite:Anita Runge and Marco Tullney