Open Access in der Mathematik

Mathematikerinnen und Mathematiker bemühen sich um die Bewahrung, Klassifizierung und Zugänglichmachung von Literatur. Anders als in vielen naturwissenschaftlichen oder technischen Disziplinen ist die Mathematik sehr direkt auch an ihrer alten Literatur interessiert, und dies nicht nur, um die Geschichte der Disziplin zu dokumentieren, sondern auch für aktuelle Forschungszusammenhänge. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich Open Access hier nicht hauptsächlich auf aktuelle Forschungsergebnisse beschränkt sondern ältere Literatur einschließt. Die Retrodigitalisierung und der freie Zugriff auf diese digitalen Inhalte spielen hier eine große Rolle.

Ein mathematischer Satz, einmal bewiesen, bleibt richtig und sehr häufig auch wichtig in der Disziplin. So ist auch die historische Zitationstiefe selbst in aktuellen mathematischen Forschungsarbeiten in der Regel vergleichsweise tief: Auch Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert oder davor werden immer wieder zitiert und verwendet.

Grigori Jakolewitsch Perelman erhielt 2006 die Fields-Medaille aufgrund einiger Artikel über den Beweis zur Poincaré-Vermutung, die er in den Jahren 2002-2003 ausschließlich auf dem Preprintserver arXiv veröffentlicht hat. Obwohl dieser Artikel nie ein klassisches Peer-Review Verfahren durchlaufen hat, konnte dieser auch aufgrund der Open-Access-Veröffentlichung von verschiedenen Gruppen überprüft werden. (Perelman nahm übrigens die Fields-Medaille, vergleichbar einem Nobelpreis der Mathematik, nicht an.)

Gerade in der Mathematik ist die Kritik an den Zeitschriftenkosten sehr hoch. So ist es nicht verwunderlich, dass der Appell „the cost of knowledge“ zum Boykott des Wissenschaftsverlags Elsevier im Jahr von einem Mathematiker, Timothy Gowers, ausging.

Aufgrund unzumutbarer Kosten und Bezugsbedingungen hat das Direktorium des Zentrum Mathematik an der TU München beschlossen, ab dem Jahre 2013 alle Elsevier-Zeitschriften abzubestellen.

Open-Access-Zeitschriften

Bei vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird die Bezahlung von Publikationsgebühren kritisch gesehen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Mehrzahl der Open Access Zeitschriften in diesem Fach in Geschäftsmodellen veröffentlicht werden, bei denen keine Publikationsgebühren anfallen.

Da in der Mathematik auch ältere Literatur sehr von Bedeutung ist, ist es erfreulich, dass viele Zeitschriften ältere Bände online frei zugänglich zur Verfügung stellen, selbst dann, wenn die aktuellen Bände nicht dem Open-Access-Modell folgen, sondern kostenpflichtig sind. Hier wird oft das Modell der Moving Wall angewandt: Für einen gewissen Zeitraum (z.B. fünf Jahre) nach dem Erscheinen ist der Zugang kostenpflichtig, für ältere Jahrgänge wird er dann kostenfrei.

Als Beispiele seien hier genannt die Zeitschriften

In der Schweiz werden im Rahmen des Projekts retro.seals.ch wissenschaftliche Zeitschriften retrodigitalisiert und über das Internet frei zugänglich gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf in der Schweiz erschienenen Periodika und beinhaltet auch historische Ausgaben. Im Bereich "Mathematik" sind mehrere Zeitschriften erfasst, so zum Beispiel die Commentarii Mathematici Helvetici, wobei dort alle Bände von Beginn (1929) bis 5 Jahre nach erfolgter Drucklegung frei zugänglich sind.

Hier sollen wegen der Vielzahl der Titel die Open-Access-Zeitschriften und sonstige Schriften nicht einzeln gelistet werden, sondern es werden Verzeichnisse und Repositorien aufgeführt:

  • Project Euclid (Cornell University) bietet elekronisch publizierte Zeitschriften an, viele davon im Open Access
  • Das Verzeichnis DML: Digital Mathematics Library führt eine Liste mit Links auf retrodigitalisierte mathematische Literatur (Stand Februar 2015: 4.608 Bücher und 576 Zeitschriften aus mehr als 50 Repositorien), die zu großen Teilen frei zugänglich ist. Erfasst sind mehr als 4,9 Millionen Seiten digitalisierter Literatur.

Liste von Open Access Zeitschriften im Fach Mathematik:

Disziplinäre Repositorien

arXiv

Fachliches Repositorium für Physik und angrenzende Wissenschaftsgebiete. Seit 2001 wird arXiv durch die Cornell University betrieben. Die Preprints sind zu einem Teil Vorab-Versionen von Zeitschriftenartikeln, zum anderen Teil handelt es sich um – zunächst nicht anderweitig publizierte – vorläufige Ergebnisse oder Diskussionspapiere. In der Regel ist das Einbringen von Preprints für neue Autoren, welche das erste Mal auf arXiv publizieren  nur möglich, durch ein sog. endorsement (Befürwortung durch einen etablierten Autor, der eine bestimmte Anzahl von Beiträgen innerhalb des für endorsement relevanten Bereichs eines arXiv-Archivs oder -Fachbereichs geschrieben hat). Autoren mit einer Zugehörigkeit zu einer anerkannten wissenschaftlichen Institution können davon befreit werden. arXiv ist ein fachliches Repositorium mit einfachen Funktionalitäten und – im Vergleich zum Peer Review – reduzierten Mechanismen der Qualitätssicherung. In der Physik ermöglichen viele Verlage das direkte Einreichen von auf arXiv abgelegten Manuskripten bei ihren Zeitschriften.

In der Mathematik gibt es neben dem zentralen Preprintserver arXiv noch weitere dedizierte Preprintserver. Diese sind entweder auf eine Teildisziplin beschränkt oder werden von einer Fakultät oder Institut betrieben. Beispiele hierfür sind

Die bedeutendsten Open-Access-Repositorien retrodigitalisierter mathematischer Literatur sind

  • NUMDAM, Grenoble, mit vielen französischen und italienischen Zeitschriften (freier Zugang mit Moving Wall, welche abhängig von der Zeitschrift ist)

Recherchieren in der Mathematik

Neben den Fachdatenbanken, welche im Fach Mathematik nicht frei zugänglich sind, gibt es diverse  freie Recherchemöglichkeiten, um Information im Fach Mathematik zu erhalten. Wichtige Open-Access-Dienste in der Mathematik sind

  • ViFaMath, Virtuelle Fachbibliothek Mathematik
  • EuDML, The European Digital Mathematics Library

Akteure

In der Mathematik spielen oftmals einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine bedeutende Rolle und fordern Open Access für wissenschaftliche Literatur. Beispielshaft sollen hier zwei Akteure erwähnt werden. Ein zentraler Akteur, der sich sehr für Open Access einsetzt, ist der Initiator des Appells „the cost of knowledge“. Er betreibt auch einen mathematischen Blog unter https://gowers.wordpress.com/. Martin Götschel von der Technischen Universität Berlin und Präsident des Konrad-Zuse-Zentrums setzt sich, auch in seiner Tätigkeit als Generalsekretär der Internationalen Mathematiker Vereinigung (IMU), für Open Access ein.

Das Komitee zu elektronischer Information und Kommunikation (Committee on Electronic Information and Communication, CEIC) der Internationale Mathematiker Vereinigung (IMU) spricht sich in den Empfehlungen dafür aus, dass Veröffentlichungen von Mathematiker/innen öffentlich frei zur Verfügung gestellt werden sollen.

In Deutschland unterstützt die TIB Open Access indem sie die Finanzierung des Beitrags der deutschen Hochschulen zu arXiv im Netzwerk arXiv-DH übernimmt und sichert somit gemeinsam mit der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft den arXiv-Anteil der deutschen Community.

Open Science

Das Projekt épisciences.org stellt eine freie Plattform zur Verfügung, auf der Open Access Artikel, welche nicht begutachtet, was gerade bei Preprints der Mathematik häufig vorliegt, werden, wie etwa auf arXiv, ein Peer Review Verfahren durchlaufen können. Somit soll Artikeln, welche nur auf Preprintservern veröffentlicht werden, zukünftig auch die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Qualitätssicherung gegeben werden und der Nachteil der Preprintserver im Vergleich zu Peer-Reviewed-Journalen behoben werden.

Im Rahmen des CEIC der IMU gibt es Bestrebungen, eine World Digital Mathematics Library (WDML) zu entwickeln, welche die gesamte mathematische Literatur dauerhaft frei zugänglich und nachnutzbar beinhaltet. Die gesamte Literatur darin soll darin erschlossen und miteinander verlinkt werden.

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Dr. Gernot Deinzer, UB Regensburg.