Die folgenden Informationen beziehen sich auf Open Access in den Philologien, womit die Fächer gemeint sind, die sich mit der Sprache, Literatur, Kultur und Medien moderner Sprachen beschäftigen, also insbesondere Germanistik, Romanistik, Anglistik, Slavistik sowie Komparatistik, hier mit Schwerpunkt auf Literaturwissenschaften und Linguistik.

Open Access in den Philologien

Etablierte Modelle der Publikation und Dissemination von Forschungsergebnissen dominieren in den Philologien nach wie vor, insbesondere in Hinblick auf Mechanismen der Qualitätssicherung, der akademischen Anerkennung, des Prestiges und der Geschäftsmodelle. Allerdings wird zunehmend deutlich, dass die digitale Verfügbarkeit und Nutzung insbesondere bei Ressourcen, die eher punktuell konsultiert als in Gänze rezipiert werden, große Vorteile hat (man denke u.a. an Sammelbände, Zeitschriften, Handbücher, aber auch Texteditionen). Von der digitalen Publikationsform zum offenen Zugang zu digitalen Publikationen ist es allerdings noch ein Schritt, der derzeit noch nicht von vielen FachvertreterInnen gemacht wird. Die Sprachwissenschaften, bei denen auch der Zugang zu digitalen Ressourcen wie Korpora und Werkzeugen eine bedeutende Rolle spielt, sind den Literaturwissenschaften hier ein Wenig voraus. Dennoch ist insgesamt ein vorsichtiger Wandel in den Einstellungen zu Open Access zu spüren.

Open-Access-Zeitschriften

Literaturwissenschaften

Das DOAJ (siehe unten) verzeichnet für die Literaturwissenschaften derzeit 174 Zeitschriften, davon 5 in Deutschland erscheindende. Beispiele sind TRANS (seit 1997), Metaphorik.de, Textpraxis, IASLonline, HeliX und PhiN (sowie die Beihefte von PhiN), HiN, oder auch das American Studies Journal.

Für die Literaturwissenschaften spielen darüber hinaus OA-Rezensionsjournale eine wichtige Rolle, darunter insbesondere literaturkritik.de in der Germanistik (für Fachliteratur und Belletristik), fabula.org in der Frankoromanistik, oder IASLonline fächerübergreifend.

Sprachwissenschaften

Das DOAJ verzeichnet für die Sprachwissenschaften derzeit 313 Zeitschriften, von denen 7 in Deutschland erscheinen. Beispiele sind Linguistik Online (seit 1998), das Journal of Linguistics and Language Teaching, Afrikanistik-Ägyptologie Online, Language@Internet oder Constructions.

Auch in diesem Bereich existieren OA-Rezensionsjournale, bspw. die von der Linguist-List betreute Review-Sektion (mit derzeit über 3500 Buchrezensionen).

Weitere Informationen

Es werden neue, reine OA-Zeitschriften gegründet, bspw. Romanische Studien (seit 2015) in der Romanistik und Closure (seit 2014) in der Anglistik.

Auf der Plattform revues.org sind derzeit 78 Zeitschriften aus den Philologien verzeichnet, die Open Access erscheinen, überwiegend in französischer Sprache. Eine vergleichbare Plattform existiert in Deutschland nicht; es dominieren lokale Angebote, wie bspw. die “HEIJournals”-Plattform in Heidelberg oder der Journal Server der Hamburg University Press.

Über die Zeitschriften hinaus entsteht derzeit eine Kultur des wissenschaftlichen Bloggens im Open Access, die u.a. durch die Plattform hypotheses.org befördert wird, wo derzeit 110 Blogs aus dem Bereich der Philologien bestehen, darunter 10 in deutscher Sprache.

Disziplinäre Repositorien

GINDok, der zentrale Dokumentenserver für die Germanistik, führt sukzessive bereits andernorts im OA publizierte Publikationen zusammen und macht sie an einem Ort und in einer einheitlichen Suchoberfläche nutzbar. Das Modell eines solchen zentralen Dokumentenservers setzt sich jedoch nur langsam durch.

Vergleichbare, übergreifende Dokumentenserver bestehen für andere Philologien derzeit nicht, hier ist demnach eine noch stärkere Fragmentierung des Angebots in den Dokumentenservern der einzelnen Universitätsbibliotheken festzustellen. Eine Suche über eine große Zahl dieser Repositorien ist allerdings möglich (siehe unten).

In einzelnen Philologien bestehen zentrale Dokumentenserver in den Zielländern, so beispielsweise in Frankreich mit dem Portal HAL-SHS.

Recherchieren in den Philologien

Philologien-spezifisch

Für eine Reihe von Einzelphilologien bestehen sogenannte Virtuelle Fachbibliotheken, d.h. Fachportale, die neben der parallelen Medienrecherche in ausgewählten Bibliothekskatalogen und Fachbibliographien auch Sammlungen wissenschaftlich relevanter und kommentierter Internetquellen und einen Überblick über Print- und E-Zeitschriften anbieten. Solche Portale bestehen für verschiedene Bereiche, unter anderem sind Germanistik im Netz, Vifarom (Frankreich und Italien), Cibera (Spanien, Portugal, Iberoamerika), und die AAC (Library of Anglo-American Culture and History) sowie das Slavistik-Portal zu nennen. Eine gezielte Suche nach OA-Angeboten ist dort überwiegend nicht möglich. Funktionen, die einem Fachportal ähnlich sind, hat in der Linguistik auch die Linguist-List, auf der auch immer wieder Open Access thematisiert wird.   

Fächerübergreifend

Eine Suche über eine große Zahl der Dokumentenserver einzelner Institutionen wird von Angeboten wie dem KVK (mit Einschränkung auf “Digitale Medien”), oder EROMM (European Register of Microform and Digital Masters) ermöglicht. Eine gut etablierte Recherchemöglichkeit nach OA-Zeitschriften ist die EZB (Elektronische Zeitschriftenbibliothek), die ebenso wie BASE (Bielefeld Academic Search Engine) eine gezielte Suche nach frei verfügbaren Zeitschriften ermöglicht.    

Fächerübergreifende Bedeutung für die Recherche von OA-Content (ohne Fokus auf die Philologien) haben das DOAJ (Directory of Open Access Journals), OpenDOAR (Directory of Open Access Repositories) sowie ROAR (Registry of Open Access Repositories), die alle ausschließlich OA-Content referenzieren. Seit 2012 gibt es auch DOAB, das Directory of Open Access Books, das derzeit knapp 3000 Monographien verzeichnet. Ein neuerer Akteur ist re3data (Registry of Research Data Repositories), das neben Forschungsdaten auch andere Ressourcen (Projekte, Tools, Institutionen) verzeichnet und ebenfalls eine gezielte Suche nach OA-Content erlaubt.

Akteure

Mehrere philologische Fachgesellschaften haben in den vergangenen Jahren Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich mit dem digitalen Wandel in Theorie und Praxis von Forschung und Lehre befassen und sich in unterschiedlicher Intensität auch dem Thema Open Access widmen.

Die geisteswissenschaftlichen Verlage agieren zurückhaltend bis vorsichtig offen. Etablierte Geschäftsmodelle bleiben bestehen, zugleich setzt sich beispielsweise immer mehr das Prinzip durch, dass Beiträge in gedruckt erscheinenden Sammelbänden oder Zeitschriften nach einer Schutzfrist in Dokumentenservern eingestellt werden dürfen, teils nur als Autorfassung ohne Verlagslayout, teils auch im Verlagslayout (so bspw. bei Winter Universitätsverlag, Gunter Narr, de Gruyter). Je nach Verlag und Publikationsform variierende Bedingungen behindern allerdings die weite Verbreitung dieser Praxis.

Unter Berücksichtigung der Philologien, aber ohne spezifischen Fokus auf sie, haben einige Bibliotheken weit über reine Digitalisierungsaktivitäten, von denen allerdings die Philologien insbesondere profitieren können, eine wichtige Rolle für die Beförderung und Umsetzung von Open Access und Open Data übernommen. Insbesondere die SUB Göttingen und die BSB München organisieren seit mehreren Jahren entsprechende Informationsveranstaltungen oder Tagungen und betreiben einschlägige Projekte.

Ohne spezifischen Bezug zu den Philologien hat die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) mit dem “Appell zur Nutzung offener Lizenzen in der Wissenschaft” klar für die Nutzung von Lizenzen wie Creative Commons plädiert und ein „Dossier Open Access“ veröffentlicht, das auch einschlägige Fördermaßnamen nennt. Auch die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen fördert Open Access in der Wissenschaft und hat u.a. schon 2009 eine Broschüre zum Thema „Open Access. Positionen, Prozesse, Perspektiven“ herausgegeben.

Die „Open Access Policy“ des österreichischen FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) ist, dass alle FWF-geförderten Projekte verpflichtet sind, ihre referierten Forschungsergebnisse im Internet frei zugänglich zu machen, was auch durch entsprechende Informationsangebote und Fördermöglichkeiten flankiert wird.  

Auch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) unterstützt die Umsetzung von Open Access. Sie empfiehlt ihren Mitgliedgesellschaften und den in ihrem Kreis organisierten Forschenden, ihre Publikationen frei zugänglich zu machen. Sie verfolgt das Ziel, dass alle Autor/innen von Periodika, die von der Akademie subventioniert werden, das Recht haben, ihre Artikel Open Access zu publizieren. Die SAGW ersucht deshalb ihre Gesellschaften, bei den Verlagen die entsprechenden Rechte für ihre Autor/innen einzuholen, und führt auch selber Verhandlungen mit diesen Verlagen, wobei sich positive Resultate abzeichnen.

Einzelne FachwissenschaftlerInnen aus den Philologien unterstützen die Themen Open Access und Open Data nachdrücklich, auch über den Kontext der “Digitalen Geisteswissenschaften” hinaus, darunter sicherlich Gerhard Lauer, Andrea Rapp, Martin Huber, Fotis Jannidis und Laurent Romary. Dem Open Access-Gedanken kritisch gegenüberstehende Stimmen haben sind auf den Seiten des Instituts für Textkritik zu finden.

Open Science

Literaturwissenschaften

Der Aspekt von Open Science, der eine zunehmend wesentliche Rolle in den Literaturwissenschaften spielt, ist der offene Zugang zu Textdaten (Open Data). Die sogenannte “Erlanger Liste” (Germanistik) enthält auch ein Verzeichnis frei verfügbarer elektronischer Texte, der “Catalog of Digital Scholarly Editions” beschreibt derzeit über 350 digitale Texteditionen, und im ZVDD (Zentralen Verzeichnis Digitalisierter Drucke) sind überwiegend digitale Faksimiles verzeichnet.

Wichtige Anlaufstellen für digitale Volltexte sind unter anderem die Digitale Bibliothek von TextGrid und das Deutsche Textarchiv (DTA), die auch den Download größerer Textmengen ermöglichen, sowie die Deutsche Digitale Bibliothek. In den fremdsprachigen Philologien stellen Angebote wie Gallica (Frankreich), die Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes (Spanien), die Biblioteca Italiana (Italien) sowie das Project Gutenberg (v.a. Englisch) und das vorbildliche Oxford Text Archive (OTA) Volltexte, teils auch in Standardformaten, zur Verfügung.

Sprachwissenschaften

Der Zugang zu Text- und Sprachkorpora spielt in den Sprachwissenschaften, insbesondere der Korpus- und Computerlinguistik, eine deutlich größere Rolle, als dies derzeit in den Literaturwissenschaften der Fall ist. Die dominante Form der Bereitstellung von Korpora ist, eine web-basierte (teils frei zugängliche, teils nach Registrierung kostenfrei nutzbare, teils nicht frei zugängliche) Abfragemöglichkeit einzurichten. Diese nutzt die Struktur und Annotation der Korpora optimal und erfordert weder Download noch Software-Installation. Allerdings können die Korpora und Tools selbst in der Regel nicht heruntergeladen und weiter für weitere Verarbeitung oder Analyse genutzt werden, was häufig auch urheberrechtliche Gründe hat.

Beispiele hierfür sind die COSMAS-Korpora des IDS (Institut für deutsche Sprache, Mannheim), Varitext (Französisch, Universität zu Köln) oder das DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache), bei dem ein Kernkorpus frei heruntergeladen werden kann. Ein offenes Modell wird hingegen von LAUDATIO (HU Berlin) verfolgt, das auf Korpora historischer Sprachstufen fokussiert ist. Eine große Zahl linguistischer Ressourcen (Daten, Werkzeuge, Handreichungen) ist in der europäischen Initiative LRE Map verzeichnet. In den Sprachwissenschaften spielt zudem der Open Source-Gedanke eine zunehmende Rolle, insofern teilweise Werkzeuge mit offenen Lizenzen angeboten werden, und werden verstärkt Aspekte der Standardisierung und Interoperabilität von Daten berücksichtigt.

Literatur

  • Deutsche Forschungsgemeinschaft, “Appell zur Nutzung offener Lizenzen in der Wissenschaft”, Information für die Wissenschaft, 68, 2014.
  • Arbeitsgruppe Open Access: „Open Access. Positionen, Prozesse, Perspektiven“, Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, 2009.
  • Stefan Gradmann: “Vom Verfertigen der Gedanken im digitalen Diskurs : Versuch einer wechselseitigen Bestimmung hermeneutisch und empirizistischer Positionen”, in: Historical Social Research, 29.1, 2004, S. 56-63. URL: http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/3086

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Dr. Christof Schöch