Open Access in der Philosophie

Der freie Zugang zu Fachpublikationen ist in der akademischen Philosophie und speziell im deutschen Sprachraum nicht auffallend weit verbreitet. Zwar besitzen immer mehr Forschungsinstitutionen eine Open-Access-Strategie (vgl. etwa die Open-Access-Strategie für Berlin, Karlsruher Institut für Technologie, die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften oder die Universität Wien), doch von namhaften philosophischen Gesellschaften (Deutsche Gesellschaft für Philosophie, Gesellschaft für Analytische Philosophie) fehlt eine Stellungnahme.  

Seit Kristin Antelman 2004 die vergleichsweise geringe Ausbreitung von Open Access in der Philosophie festgestellt und gleichzeitig auf die signifikant erhöhte Zitationsrate von derart verfügbaren Publikationen aufmerksam gemacht hat, ist die Anzahl von Open-Access-Zeitschriften, sowie die Verfügbarkeit elektronischer Dokumentserver, jedoch weltweit deutlich gestiegen. Das Directory of Open Access Journals verzeichnet unter „Philosophy (General)“ an die 200 Titel. Das Directory of Open Access Repositories gibt 119 Archive mit dem Schwerpunkt Philosophie und Religion an. (Stand: April 2015).

Zu den prominentesten Open-Access-Zeitschriften gehören  Philosophers' Imprint und Ergo, die beide Beiträge aus allen Bereichen der Philosophie veröffentlichen. Das deutsche Open Access Fachjournal LOGOS - Freie Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie publiziert nicht-historische Aufsätze aus allen Bereichen der Disziplin. Die Zeitschrift für philosophische Literatur ist ist ein 2013 gegründetes, vielversprechendes Rezensionsorgan. Für den englischsprachigen Bereich ist in dieser Hinsicht das  Notre Dame Philosophical Reviews zu nennen. Für weitere, in der Regel spezialisierte, Zeitschriften, siehe den nächsten Abschnitt.

In gebräuchlicher Terminologie bieten solche Zeitschriftenprojekte „golden open access“, während die Bereitstellung von Zweitveröffentlichungen in Open-Access-Repositorien „green open access“ genannt wird. Ein Grund für die zögerliche Archivierung philosophischer Arbeiten in solchen Internetarchiven ist die Auffassung, sie könnten auch einfach auf persönlichen Webseiten oder im Social Web zugänglich gemacht werden. Dabei wird übersehen, dass sie in allgemeinen Google-Suchen oft untergehen und dabei weder ihre bibliographischen Eckdaten, noch ihre wissenschaftliche Systematik, datentechnisch ausgewertet werden kann. Derartige Metadaten werden bei der Einreichung eines Beitrags (gewöhnlich durch Selbstarchivierung) in einem Repositorium erhoben und in der Folge von Suchprogrammen („Harvestern“) extrahiert. Portale wie Openaire oder BASE aggregieren den aus ihrem Einzugsbereich gesammelten Datenbestand zahlreicher Archive.  

Sammelpunkt ist ein disziplinäres Repositorium für Philosophie, das für das gesamte Spektrum der Philosophie zur Verfügung steht (Gebrauchsstatistik). Darüber hinaus besitzen zahlreiche deutsche Universitäten Repositorien für wissenschaftliche Arbeiten aus ihrem Umkreis. Sie finden sich auf ROAR oder DOAR.

Das führende Internetarchiv der Disziplin ist PhilPapers, in dem sich neben Open-Access-Beiträgen eine umfassende Sammlung am Internet verfügbarer Materialien findet. Das Projekt bedient sich allerdings nicht des Metadaten-Standards für offene Archive (OAI-PMH) und experimentiert derzeit mit einem Abonnementsystem für Universitäten. Die optimale Reichweite für Veröffentlichungen erzielt man daher durch ein dreistufiges Vorgehen:

  • Archivierung in einem Repositorium („grüner“ Open Access)
  • Eintrag auf PhilPapers.org
  • Liste der eigenen Texte auf der persönlichen Internetseite (mit Verweisen auf den Eintrag im Repositorium)

Die Archivierung wissenschaftlicher Arbeiten vor der Einreichung bei einer Zeitschrift ist in der Philosophie unüblich. Zu diesem Zeitpunkt besitzt die Autorin (m/w) jedoch alle Rechte am Text, daher ist das Vorgehen juridisch problemlos. Auf SHERPA/RoMEO ist dokumentiert, welche Richtlinien Zeitschriften und Verlage für Selbstarchivierung vorgeben. Preprints sind nützlich, weil sie die oftmals langen Wartezeiten bis zur Veröffentlichung einer Publikation überbrücken und korrekte Datierungen bei Prioritätsstreitigkeiten gewährleisten. Für digitale Kopien nach der Veröffentlichung gibt es in Deutschland verschiedene Möglichkeiten, zur Zweitveröffentlichung  ein Jahr nach der Erstpublikation. Ähnliche Regelungen bestehen in Österreich und in der Schweiz.

Autor/innen sollten bei Verträgen mit Verlagen oder Zeitschriften darauf achten, das Recht zur Selbstarchivierung zu behalten und den Verlagen kein ausschließliches Nutzungsrecht an ihrem Text zu gewähren. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Open-Access-Zeitschriften

Eine Auswahl philosophischer Zeitschriften findet sich auf noesis. Hier eine kürzere Selektion aus den im  Directory of Open Access Journals genannten Philosophiejournalen (ohne symbolische Logik):

Die beiden frei zugänglichen online Lexika Internet Encyclopedia of Philosophie und Stanford Encyclopedia of Philosophy enthalten ausführliche Essays zu den diesen Stichworten.

Open Access bei Büchern

Für Bücher gilt, wie für Zeitschriftenbeiträge, dass sie unter Open Access besser wahrgenommen werden. Der freie Zugang muss auch nicht bedeuten, dass weniger gedruckte Exemplare verkauft werden (vgl. etwa Freier Eintritt in die Geisteswissenschaft.). Das digitale Format für Bücher bietet eine Reihe von Vorteilen: eine mächtige Suchfunktion, einfache Manipulierbarkeit und raumsparende Speicherung. Für vergriffene Bücher, die der Verlag nicht neu auflegt, ist Open Access eine besonders naheliegende Option.

Auch Bücher (oder Teile von Büchern) können  direkt nach der Fertigstellung des Textes und noch vor der Einreichung an einen Verlag in einem Internetarchiv deponiert werden. Danach ist, wie bei Zeitschriftenbeiträgen, zu beachten, dass dem Verlag kein zeitlich unbegrenztes, ausschließliches Nutzungsrecht eingeräumt wird.

Das Directory of Open Access Books und das  OAPEN (Open Access Publishing in European Networks) verzeichnen kostenfrei zugängliche philosophische Monographien. Die Option des Open Access wird zunehmend häufig in die Geschäftsmodelle von Verlagen aufgenommen, beispielsweise von Humanities online und dem Böhlau Verlag. Im deutschen Sprachraum sind MV-Wissenschaft und der Meine-Verlag, für englische Bücher Open Humanities Press und Bloomsbury Academic als Beispiele für Open Access orientierte Verlage zu nennen. Eine instruktive Liste findet sich im DOAB.

Disziplinäre Repositorien

Viele Universitäten verfügen über Repositorien für Publikationen ihrer Angehörigen. Sie sind auf ROAR oder DOAR zu finden. Darüber hinaus sind folgende Archive von speziellem philosophischem Interesse („disciplinary repositories“):

  • Sammelpunkt: Repositorium für Philosophie. Nicht institutionell gebunden.
  • PhilPapers: umfassendes Textarchiv und bibliographisches Rechercheinstrument.
  • PhilSci: Repositorium für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie.
  • Cogprints: ein Repositorium für "Kognitionswissenschaften".
  • Swiss Philosophical Preprint Series (nur für in der Schweiz wohnende Philosophen) 

Recherchieren in der Philosophie

Akteure

Es besteht keine Instanz, die Open-Access-Initiativen in der Philosophie über Einzelprojekte hinaus bündeln und koordinieren würde. Die wirksamsten Impulse gehen einerseits von individuellen Vorhaben und andererseits von Universitäts­biblio­theken aus. Das Discovery Project enthält eine auf ausgesuchte Schwerpunkte verteilte Sammlung fachgerecht kodierter und semantisch eingebetteter philosophischer Textquellen. Hervorzuheben ist das Subprojekt Wittgenstein Source, organisiert von Alois Pichler an der Universität Bergen, in dem sich bedeutende Teile des Wittgenstein'schen Nachlasses zur freien Forschungsarbeit aufbereitet finden. Daniel von Wachter gibt einen Überblick über den Status der Open-Access-Bewegung und stellt „vernachlässigte deutsche philosophische Texte“ zusammen, die sich vorwiegend auf Google Books und im Internet Archive finden. Herbert Hrachovec betreibt das philosphiespezifische Internetarchive Sammelpunkt. In den Vorlesungen „Technik und Philosophie des freien Forschungsaustausches“ (Wintersemester 2011/12, Sommersemester 2015) setzt er sich mit den Entwicklungen auf diesem Gebiet auseinander. (Siehe auch „Open Source Philosophie“ aus 2008).

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Prof. Herbert Hrachovec, Prof. Daniel von Wachter.