Open Access in der Psychologie

Dem allgemeinen Trend folgend hat sich Open Access zur wissenschaftlichen Literatur in den letzten Jahren auch innerhalb der Psychologie weiter verbreitet und etabliert, allerdings auf unterschiedlichen Wegen:

Reine OA-Zeitschriften sind in der Psychologie nach wie vor die Ausnahme. Im Directory of Open Access Journals (DOAJ) werden etwa 200 Zeitschriften mit psychologischen Inhalten gelistet (Stand: 1/2015). Auf dieser Basis lässt sich der Anteil der wissenschaftlichen OA-Zeitschriften in der Psychologie auf fünf bis zehn Prozent schätzen – bei Anlegung strenger Qualitätskriterien vermutlich noch deutlich darunter. Von den 200 im DOAJ erfassten Zeitschriften mit psychologischen Inhalten sind wiederum nur um die zehn Prozent mit einem „Impact Factor“ (Thomson Reuters) versehen, ein Kennwert für die Zitationshäufigkeit einer Zeitschrift, der trotz aller Kritik nach wie vor in der Wissenschaftsgemeinschaft eine wichtige Rolle spielt. Hier wird erkennbar, dass gegenwärtig unter den nach traditionellen Kriterien „hochrangigen“ Zeitschriften reine OA-Zeitschriften in der Psychologie noch kaum zu finden sind. Mit der zunehmenden Etablierung von psychologischen Open-Access-Zeitschriften und dem Aufkommen neuer Bewertungskriterien (Stichwort: Altmetrics) könnte sich dies allerdings in den nächsten Jahren ändern.

Viele wissenschaftliche Zeitschriftenverlage bieten inzwischen hybride Modelle an, die auch in der Psychologie zunehmend genutzt werden. Autoren, die den goldenen Weg gehen wollen, müssen im hybriden Modell in der Regel eine Bereitstellungsgebühr oder eine Artikelbearbeitungsgebühr bezahlen, deren Höhe (z. B. in Abhängigkeit von der Art des Artikels) stark variieren kann.
 
Der grüne Weg des Open Access durch die Selbstarchivierung von Pre- oder Postprints ist inzwischen auch in der Psychologie verbreitet und wird von vielen Verlagen zugelassen. Allerdings gibt es in der Psychologie neben vereinzelten nationalen, institutionellen oder thematisch spezialisierten  Repositorien keine zentralen, international genutzten Repositorien für psychologische Pre- und Postprints, so dass diese Open-Access-Dokumente im Fach relativ schlecht erschlossen sind.

In der Psychologie ist die wissenschaftliche Literatur in hohem Maße in Fachzeitschriften zu finden. Bücher oder Kongressbeiträge spielen demgegenüber eine eher untergeordnete Rolle. Open Access zu psychologischen Fachbüchern ist noch wenig entwickelt.

Open-Access-Zeitschriften

Reine OA-Zeitschriften finden sich traditionell auf wissenschaftsnahen, nicht-kommerziellen Plattformen von Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen, Universitäten oder Fachinformationszentren. Mit dem Durchsetzen autorenfinanzierter Geschäftsmodelle werden reine OA-Zeitschriften aber zunehmend auch bei traditionellen Fachverlagen und neuen, kommerziellen Open-Access-Verlagen angeboten. Im Folgenden werden einige Beispiele aus diesen Segmenten vorgestellt.

Zeitschriften auf nicht-kommerziellen Plattformen (Beispiele)

Europe’s Journal of Psychology – Diese Zeitschrift ist eine von derzeit sieben psychologischen Open-Access-Zeitschrift auf der vom Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) betriebenen Publikationsplattform PsychOpen. Die Zeitschrift erscheint kontinuierlich bereits seit mehr als zehn Jahren und hat sich von einer studentischen Initiative inzwischen zu einer international wahrgenommenen psychologischen Fachzeitschrift entwickelt. Für die Autoren fallen keine Publikationsgebühren an.

Advances in Cognitive Psychology – Unterstützt von einer polnischen Universität veröffentlicht diese OA-Zeitschrift seit 2005 Beiträge aus den Forschungsbereichen Wahrnehmung, Sprachverarbeitung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Kognition. Es werden keine Publikationsgebühren erhoben.

Forum qualitative Sozialforschung – Diese internationale, auf qualitative Forschungsmethoden spezialisierte Zeitschrift erscheint bereits seit 1999 und ist eng mit der Freien Universität Berlin verbunden. Auch hier werden keine Autorengebühren erhoben.

Zeitschriften traditioneller Fachverlage (Beispiele)

Archives of Scientific Psychology – Erstmals 2013 erschienen ist Archives of Scientific Psychology die erste und bisher einzige Open-Access-Zeitschrift der American Psychological Association (APA). Trotz ihres jungen Alters und ihres noch geringen Publikationsvolumens ist diese Zeitschrift insofern bemerkenswert, als die APA lange Zeit Open Access eher ablehnend gegenüber stand (vgl. unten „Akteure“). Finanziert werden soll die Zeitschrift über Autorengebühren, auf die aber in der Einführungsphase noch verzichtet wird.

Psychological Test and Assessment Modeling – Die im deutschen Fachverlag Pabst Science Publishers erscheinende Zeitschrift ist ein Beispiel für die Umwandlung einer traditionellen subskriptionsbasierten Publikation in eine OA-Zeitschrift. Obwohl von einem kommerziellen Verlage herausgegeben werden keine Autorengebühren erhoben.

Zeitschriften neuer OA-Verlage (Beispiele)

Frontiers in Psychology – Die Zeitschrift ist ein Beispiel für eine Psychologiezeitschrift, die von einem neuen, kommerziellen Open-Access-Verlag publiziert wird. Frontiers in Psychology erscheint inzwischen im sechsten Jahrgang und gehört zu den wenigen OA-Zeitschriften in der Psychologie mit Impact Factor. Von den Autoren werden Publikationsgebühren erhoben.

PlosOne – Zur Gruppe der neuen, kommerziellen Open-Access-Zeitschriften gehört auch die Megazeitschrift PlosOne. Obwohl keine genuine Psychologiezeitschrift, finden sich hier auch zunehmend psychologische Fachartikel. Autoren zahlen für die Veröffentlichung ihrer Artikel Publikationsgebühren.

Disziplinäre Repositorien

Derzeit gibt es keine großen, internationalen Fachrepositorien für die Psychologie. Es gibt aber einige Repositorien von regionaler Bedeutung oder fächerübergreifende Repositorien, die zumindest auch einen substantiellen Anteil an psychologischen Dokumenten enthalten. Verglichen mit anderen Disziplinen aber auch relativ zum Volumen der potenziell in Frage kommenden psychologischen Dokumente ist das Volumen dieser Repositorien allerdings noch vergleichsweise gering.

PsycDok – PsyDoc ist eines der wenigen auf die Psychologie spezialisierten Open-Access-Repositorien weltweit. Neben Pre- und Postprints enthält es auch in größerem Umfang sog. „graue Literatur“.

Social Science Open Access Repository (SSOAR) – Das von der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften betriebene Repositorium hat einen Bestand von über 30.000 Dokumenten aus dem Bereich der Sozialwissenschaft, von denen ein Teil auch der Psychologie zugeordnet wird.

Cogprints –  Archiviert werden Dokumente aus den kognitionswissenschaftlich orientierten Segmenten unterschiedlicher Fächer, unter anderem auch aus der Psychologie.

Recherchieren in der Psychologie

Datenbanken und Suchmaschinen, die ausschließlich Open-Access-Dokumente aus der Psychologie nachweisen, gibt es derzeit nicht. Es gibt aber mit PubPsych zumindest eine große, frei zugängliche psychologische Referenzdatenbank, die gegebenenfalls auch auf die Volltexte verlinkt:

PubPsych – Das frei zugängliche Suchportal für psychologische Inhalte umfasst etwa 900.000 Nachweise von Zeitschriftenartikeln, Büchern und Buchkapiteln,  Interventionsprogrammen, Forschungsdaten sowie psychodiagnostischen Testverfahren aus allen Bereichen der Psychologie. Soweit verfügbar sind viele Nachweise mit den Volltexten verlinkt, ein gezieltes Filtern von OA-Dokumenten ist derzeit nicht möglich.

PsychSpider –Wer vor allem Open-Access-Inhalte sucht, sollte diese psychologische Suchmaschine testen. Schränkt man die Suche auf die Segmente „Web Allgemein“, „E-Journals / (Test-) Diagnostik“, und „Institute“ ein, werden viele Open-Access-Dokumente gefunden.

BASE (Bielefeld Academic Search Engine)  – Diese fächerübergreifende Suchmaschine erlaubt eine Bevorzugung von Open-Access-Dokumenten. Mittels einer Browsing-Suche und Eingrenzung der Suche durch die Dewey-Dezimalklassifikation für die Psychologie (ddc:150) lassen sich Open-Access-Dokumente zur Psychologie finden.

Akteure

Die Position der psychologischen Fachgesellschaften zu Open Access ist uneinheitlich. So hat die Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) bereits im September 2004 der „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ zugestimmt (allerdings erfolgte keine formelle Unterzeichnung der Berliner Erklärung durch die DGPs). Demgegenüber hat sich der international einflussreiche und weltweit größte Psychologieverband, die American Psychological Association (APA) lange Zeit wenig aufgeschlossen gegenüber Open Access gezeigt. So warnte die APA-Präsidentin Sharon Stephens Brehm noch im September 2007, dass das bestehende Publikationssystem nur mit Bedacht geändert werden sollte. Diese Zurückhaltung Open Access gegenüber ist vermutlich nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass die APA selbst als kommerzieller Verlag an die 90 psychologische Fachzeitschriften publiziert. 2013 hat aber auch die APA selbst ihre erste OA- Zeitschrift (Archives in Psychology) herausgebracht.

Der im deutschsprachigen Raum bedeutendste Psychologieverlag Hogrefe bietet unter dem Namen OpenMind für sein Zeitschriftenprogramm den Autoren die Wahlmöglichkeit für Open Access (hybrides Modell), führt derzeit aber keine reine OA-Zeitschrift.

In Deutschland hat sich vor allem das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) für Open Access in der Psychologie engagiert. Mit PsychOpen wurde 2012 eine Open-Access-Publikationsplattform gestartet, auf der derzeit sieben psychologische OA-Zeitschriften angeboten werden. Mit der  Veröffentlichung von OA-Büchern wurde vor Kurzem begonnen. Ein wesentliches Ziel von PsychOpen ist es, die Sichtbarkeit der europäischen psychologischen Forschung international zu stärken, unter Berücksichtigung europäischer Themen, Theorietraditionen aber auch unterschiedlicher europäischer Sprachen. Neben PsychOpen bietet das ZPID freien Zugang zu einer Reihe weiterer Informationsprodukte für die Psychologie an (siehe Abschnitt „Open Science“).

Open Science

PsychData  – PsychData stellt der psychologischen Forschung Forschungsdaten zur Nachnutzung zur Verfügung. Die vom Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation  (ZPID) getragene und vom Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) akkreditierte Einrichtung dokumentiert, archiviert und veröffentlicht Forschungsdaten aus allen Bereichen der Psychologie und ist derzeit das einzige auf die Psychologie spezialisierte Forschungsdatenzentrum.

Potsdam Mind Research Repository (PMR2) – Dieses Repositorium stellt psychologische Publikationen zusammen mit den zugrunde liegenden Forschungsdaten und Auswertungsskripten (häufig auf der Basis der Statistiksoftware R) zur Verfügung.

Elektronisches Testarchiv –  Dieses ebenfalls vom Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation  (ZPID) getragene Archiv stellt für die Forschung und Lehre frei zugängliche Testverfahren zur Verfügung.

PsychAuthors – Frei zugängliche Datenbank mit Autorenprofilen und Publikationslisten deutschsprachiger Psychologieautoren.

Open Science Framework – Zu den engagierten Verfechtern für Open Access auch in der Psychologie gehört das Center for Open Science, das das Open Science Framework, eine Umgebung für den offenen Austausch von Dokumenten, Daten, Skripten etc. betreibt. Auch wenn dieses Initiative fachübergreifend ausgerichtet ist, hat sie einen starke psychologische Basis. Vor allem das Reproducibility Project: Psychology, bei dem es um die häufig vernachlässigte oder in der Wissenschaftsgemeinschaft nicht wahrgenommene Replikation psychologischer Experimente geht, ist mit dem Open Science Framework verbunden.

Literatur

Günther, A. (2013, Juli). Open-Access Publishing in Psychology and the PsychOpen Project. 13th European Congress of Psychology, Stockholm.

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Prof. Dr. Armin Günther, ZPID.