Open Access in der Rechtswissenschaft

In der Rechtswissenschaft ist die Anzahl deutscher Open-Access-Veröffentlichungen relativ überschaubar, wenngleich auch im Bereich Jura zunehmend online publiziert wird, z.B. viele Dissertationen. So sind bei Dissonline.de 1.165 juristische Dissertationen mit Stand August 2014 nachgewiesen.

Da in vielen Arbeitsbereichen aktuelle juristische Literatur benötigt wird und die Nachfrage dementsprechend hoch ist, sind die Buch- und Zeitschriftenpreise gerade im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Fächern als moderat zu bezeichnen. Auf dem juristischen Publikationsmarkt in Deutschland sind zahlreiche Wettbewerber aktiv und bei renommierten Journalen mit hohen Auflagen ist es für Autor/innen nicht unüblich, dass sie für ihre Veröffentlichung auch ein kleines Honorar erhalten. Darüber hinaus stehen Juristinnen und Juristen aufgrund der vielen rechtswissenschaftlichen Datenbanken in der Regel zahlreiche Volltexte online - wenn auch gegen Gebühr - zur Verfügung. Der Anreiz, sich für alternative Publikationsmodelle zu engagieren, ist dementsprechend gering.

Juristische Veröffentlichungen zeichnen sich noch durch eine weitere Besonderheit aus: Sie umfassen vielfach urheberrechtsfreie Texte. Gerichtsurteile, Gesetzestexte sowie andere amtliche Werke unterfallen in Deutschland gem. § 5 Urheberrechtsgesetz (UrhG) keinem Urheberrechtsschutz, so dass diese Texte von jedermann verbreitet und publiziert werden können. Gerade die aktuelle Rechtsprechung ist traditionellerweise ein wesentlicher Bestandteil vieler juristischer Zeitschriften, Datenbanken und Druckwerke.

Bei diesen amtlichen Werken hat sich in den vergangenen Jahren die allgemeine Sichtbarkeit aufgrund der zunehmenden Anzahl interessanter Onlineprojekte und Internetauftritte auch in Deutschland deutlich verbessert.

Open-Access-Zeitschriften

Die Zeitschriftenlandschaft in der Rechtswissenschaft ist breit gefächert. Hier kann beispielsweise zwischen den Ausbildungs-, Praktiker-, Teildisziplin- und Archivzeitschriften unterschieden werden. Den höchsten Anspruch haben juristische Archivzeitschriften, da sie versuchen alle Teilgebiete der Rechtswelt zu vereinen und ebenso wie der Zeitschriften der Teildisziplinen stark wissenschafts- und/oder forschungsbasiert sind. Praktiker-Zeitschriften legen hingen den Fokus auf aktuelle Rechtsprechung und Rechtsentwicklungen sowie  prozessuale Fragen. Die Ausbildungszeitschriften werden i.d.R. von Universitätsprofessoren herausgegeben und häufig von Nachwuchsjuristen für das Publizieren erster wissenschaftlicher Artikel genutzt

Mit Stand August 2014 sind im Directory of Open Access Journals (DOAJ) unter den insgesamt 193 juristischen Zeitschriften nur relativ wenige Titel in deutscher Sprache aufgelistet, während die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) mit 2.282 frei zugänglichen Journalen aus dem Bereich der Rechtswissenschaft eine recht große Sammlung umfasst, hierunter aber auch historische Ausgaben sowie Entscheidungs- und Gesetzessammlungen. Aktuelle wissenschaftliche Zeitschriften in deutscher Sprache und mit dem Fokus auf das deutsche Recht finden sich nur vereinzelt.

  • Bucerius Law Journal (BLJ). Nach amerikanischer Tradition gibt die private Bucerius Law School in Hamburg seit 2007 eine Zeitschrift heraus, deren Redaktion durch Studierende erfolgt, denen jedoch ein wissenschaftlicher Professorenbeirat zur Seite steht. Die Ausgaben erscheinen dreimal im Jahr und bieten neben Aufsätzen auch regelmäßig einen Gastkommentar, einen internationalen Beitrag und ein Streitgespräch.
  • Forum Historiae Iuris (FHI). Diese Zeitschrift zu rechtshistorischen Themen erschien erstmals 1996 an der Humboldt-Universität zu Berlin und wird von einem internationalen Gremium renommierter Rechtshistoriker/innen herausgeben. Die einzelnen Aufsätze und Rezensionen werden in unregelmäßigen Abständen überwiegend in deutscher Sprache publiziert.
  • Humboldt Forum Recht. Diese Internetzeitschrift, deren erste Ausgabe 1996 erschien, weist bereits eine lange Tradition auf. Sie wird gemeinsam von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen der Humboldt-Universität zu Berlin herausgegeben. Sie setzt einen Schwerpunkt auf rechtspolitische Fragestellungen.
  • JurPC (Internet-Zeitschrift für Rechtsinformatik und Informationsrecht).Die wöchentlich erscheinende Zeitschrift zum Informationsrecht wird von Prof. Dr. Maximilian Herberger, der an der Universität Saarbrücken Rechtsinformatik lehrt, seit 1997 frei zugänglich im Internet publiziert. Neben aktueller Rechtsprechung enthält sie auch Aufsätze, Rezensionen und Urteilsbesprechungen. Ihr Newsletter erreicht über 5.000 Abonnent/innen.
  • Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik (ZIS). Die überwiegend deutschsprachige Zeitschrift, die von renommierten Strafrechtsprofessor/innen herausgegeben wird, erscheint monatlich seit dem Jahr 2006 und enthält wissenschaftliche Aufsätze, Urteilsanmerkungen und Buchrezensionen zum deutschen, europäischen und internationalen Straf- und Strafprozessrecht.
  • Zeitschrift für das juristische Studium (ZJS). Diese Zeitschrift, die seit 2008 im Zweimonatsrhythmus erscheint, richtet sich speziell an Studierende, die sich für Prüfungen und das Erste juristische Staatsexamen vorbereiten. Die Beiträge selbst, die alle Rechtsgebiete umfassen und neben Aufsätzen und Rechtsprechung auch Lernbeiträge und Übungsfälle beinhalten, werden nicht von Studierenden, sondern von Hochschulprofessor/innen, Praktiker/innen und wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen verfasst.
  • Journal of Intellectual Property, Information Technology and E-Commerce Law (JIPITEC) ist eines der ersten juristischen Open-Access-Journals aus Deutschland und wurde 2010 gegründet. Herausgeber sind Thomas Dreier, Axel Metzger und Gerald Spindler. Die Zeitschrift veröffentlicht Beiträge in englischer und auch deutscher Sprache. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Europäischen Recht und erscheint drei bis viermal pro Jahr.
  • HRR-Strafrecht. Die Zeitschrift ist ein Angebot der Hamburger Anwaltskanzlei und Strate und Ventzke unter dem Herausgeber Dr. h.c. Gerhard Strate und dem Projekt-/ Schriftleiter Prof. Dr. Karsten Gaede. Das Projekt bietet kostenlosen Zugang zur aktuellen höchstrichterlichen Rechtsprechung im Strafrecht und Strafverfahrensrecht aus allen Themengebieten und umfasst auch internationale Urteile. Insgesamt sind 16.000 Entscheidungen und über 500 Fachbeiträge frei zugänglich.
  • Rg Rechtsgeschichte – Legal History. Der einmal jährlich erscheinende Online- und Printtitel wird von dem Professor für Rechtsgeschichte Thomas Duve herausgegeben und befasst sich mit der Teildisziplin der Rechtsgeschichte.

  • sui-generis.ch. Ziel von sui-generis.ch ist die Publikation von juristischen Beiträgen zu Themen, die insbesondere wegen ihrer Aktualität nicht nur für das juristische Publikum interessant sind. sui-generis.ch will via Open-Access die Brücke von der Wissenschaft in die Gesellschaft schlagen und gleichzeitig den schon längst fälligen Schritt in die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens gehen.

Des weiteren folgt eine Auswahl interessanter englischsprachiger Open-Access-Journale mit dem Schwerpunkt auf dem internationalen Recht  z.T. mit deutscher Beteiligung auf der Herausgeberseite:

  • Electronic Journal of Comparative Law (EJCL). Die niederländische Zeitschrift wird seit 1997 von der Universität Tilburg (Schoordijk Institute) herausgegeben und erscheint mit durchschnittlich 3 bis 4 Ausgaben im Jahr überwiegend in englischer Sprache.
  • German Law Journal (GLJ).Die amerikanisch-kanadische Internetzeitschrift mit deutscher Beteiligung erscheint monatlich seit dem Jahr 2000 jeweils mit einem bestimmten Schwerpunktthema pro Ausgabe. Inhaltlich widmet sie sich deutschen, europäischen und internationalen Rechtsfragen in englischer Sprache. Sie wird durch die Robert Bosch Stiftung gefördert.
  • Göttingen Journal of International Law (GoJIL). Vielversprechend ist mit seinen ersten zwei Ausgaben im Jahr 2009 auch das Göttingen Journal of International Law gestartet, das ausschließlich in englischer Sprache erscheint und hauptverantwortlich von Studierenden publiziert wird.
  • Harvard Human Rights Journal. Die jährlich erscheinende Zeitschrift, die von Studierenden der Harvard Law School herausgegeben wird und ebenfalls in gedruckter Form erscheint, ist seit der Ausgabe von 1999 frei im Netz zugänglich. Die älteren Ausgaben sollen demnächst ebenfalls online erscheinen.
  • International Journal of Communications Law & Policy (IJCLP). Diese Zeitschrift, die unter Mitwirkung der rechtswissenschaftlichen Institute der Universitäten Münster, Yale, Singapur, Florenz und Mailand entsteht, ist bereits in 13 englischsprachigen Ausgaben erschienen, die bis in das Jahr 1998 zurückreichen.
  • Stanford Technology Law Review (STLR). Die Zeitschrift, die 1997 von Studierenden der Stanford Law School gegründet wurde, verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, indem sie insbesondere Verbindungen zwischen der Rechtswissenschaft und den technologischen sowie politischen Entwicklungen aufzeigt. Die regelmäßig erscheinenden Aufsätze in englischer Sprache können von den Leser/innen auch durch Kommentare online diskutiert werden.

Disziplinäre Repositorien und Datenbanken

Während in den USA zahlreiche Law Schools für die Publikationen ihrer Wissenschaftler/innen und Studierenden sog. Repositories in Law anbieten oder auch eigene Legal Working Paper Series herausgeben, gibt es in Deutschland keine dementsprechenden fachspezifischen Repositorien im Bereich der Rechtswissenschaft. Juristische Veröffentlichungen finden sich jedoch vereinzelt auf den verschiedenen interdisziplinären Publikationsservern der deutschen Hochschulen. Diese sind jedoch meist sehr verstreut und nicht zentral archiviert.

  • Service-Provider der Virtuellen Fachbibliothek Recht: Dieser harvestet derzeit über  1 Mio. ausschließlich rechtswissenschaftliche Datensätze aus 306 weltweit verteilten Repositorien und anderen Datenprovidern mit OAI-Schnittstelle, z.B. auch die rechtswissenschaftlichen Zeitschriften aus dem DOAJ.
  • Saarbrücker Bibliothek. Die Saarbrücker Bibliothek des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Universität des Saarlandes umfasst eine Sammlung von 352 Aufsätzen zu unterschiedlichen juristischen Themen.
  • OpinioIuris. Die freie juristische Bibliothek ist eine Open-Access-Plattform zur Veröffentlichung und Sammlung von juristischen Inhalten.

Recherchieren in der Rechtswissenschaft

Gesetzessammlungen

  • Gesetze im Internet. Eine verlässliche Quelle für bundesweite Gesetzesvorschriften ist das gemeinsame Onlineprojekt der Juris GmbH und des Bundesjustizministeriums, das fast das gesamte aktuelle Bundesrecht inklusive zahlreicher Verwaltungsvorschriften der einzelnen Ministerien umfasst. In ähnlicher Weise wie mit dem Bundesjustizministerium kooperiert die Juris GmbH auch mit mehreren Bundesländern, deren Landesgesetze ebenfalls frei im Internet zur Verfügung stehen, z.B. Landesrecht BW Bürgerservice.
  • Bundesgesetzblatt. Auch das Bundesgesetzblatt, dem als amtliches Verkündungsorgan allein Rechtsverbindlichkeit zu-kommt, ist mittlerweile komplett mit allen Jahrgängen seit 1949 über die Internetseiten des Bundesanzeiger Verlags online einsehbar. Der kostenfreie Zugang, der Bürgerzugang genannt wird, ermöglicht im Gegensatz zur Abonnentenversion jedoch nur einen lesenden Zugriff auf die PDF-Dokumente.
  • Parlamentsdokumentation. Der Deutsche Bundestag bietet gemeinsam mit dem Bundesrat auf seinen Internetseiten den Volltextzugang zu den Drucksachen und Protokollen der 7. bis 16. Wahlperiode über sein Dokumentations- und Informationssystem für Parlamentarische Vorgänge namens DIP.
  • Eur-Lex. Im Sinne der europäischen Transparenzinitiative sind die Rechtsvorschriften der Europäischen Union in allen 24 Amtssprachen, darunter das Amtsblatt, internationale Abkommen, Akte des Gesetzgebungsverfahrens, parlamentarische Anfragen und sonstige amtliche Dokumente über die Website Eur-Lex im Volltext umfassend dokumentiert und öffentlich einsehbar.

Urteilssammlungen

Zunehmend stellen deutsche und europäische Gerichte ihre Urteile im Volltext online zur Verfügung, insbesondere die obersten Bundesgerichte, z.B.:

  • CVRIA; Gerichtshöfe der Europäischen Gemeinschaften, Entscheidungen seit dem Jahr 1997, (bei EUR-Lex auch vereinzelt noch ältere Urteile)
  • Human Rights Documentation (HUDOC), Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, seit 1998, teilweise älter
  • OpenJur: freie Urteilsdatenbank mit über 340.000 frei zugänglichen deutschen Gerichtsentscheidungen.

Weitere Volltexte im Internet:

Eine Auswahl:

  • Digitalisierte Zeitschriftenjahrgänge aus dem 19. Jahrhundert. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat das Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte viele für die Rechtswissenschaft bedeutende Zeitschriften des 19. Jahrhunderts digitalisiert, deren Volltexte nun im Internet frei zur Verfügung stehen.
  • Junge Wissenschaft im Öffentlichen Recht e.V. Der erst 2011 von jungen juristischen Wissenschaftlern/innen gegründete Verein realisierte im Rahmen der 52. Assistententagung 2012 für das Gebiet des Öffentlichen Rechts eine OA-Publikationsplattform, wo Autoren ihre Analysen, Berichte zu Judikaten, Verträge, Gesetzgebungsakten- und Neuerscheinungen, aber auch Tipps zur Recherche nach Neuerscheinungen (Monographien) nach dem Peer-Review-Verfahren veröffentlichen können.
  • Virtuelles Datenschutzbüro. Das Virtuelle Datenschutzbüro ist ein gemeinsames Portal verschiedener Datenschutzinstitutionen von Bund und Ländern, das umfassend über das deutsche Datenschutzrecht informiert und u.a. auch zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze, Gutachten und weitere Volltexte verlinkt.
  • Der RWS-Verlag. Er bietet neben seinen kostpflichtig zu erwerbenden Büchern und Zeitschriften einen kostenlosen Zugang zu einem Volltext-Zeitschriftenarchiv zwischen den Jahren 1999-2008 auf ihrer Website an. Weitere Volltexte ab 2009 sind auf den jeweiligen Homepages der Zeitschriften des RWS-Verlags archiviert.

Berarbeitung der Inhalte dieser Seite durch:
Prof. Dr. Ulrike Verch und Julia Wiesner, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg