Open Access in den sozial- und kultur­anthropologischen Fächern

Open Access wird in den sozial- und kulturanthropologischen Fächern (hier verstanden als die Ethnologie/Sozial- und Kulturanthropologie/Völkerkunde und Europäische Ethnologie/Volkskunde/Empirische Kulturwissenschaft, sowie die Social Anthropology und (Socio-)Cultural Anthropology, zudem die Folkloristik/Folklore Studies) deutlich weniger thematisiert und debattiert als in Disziplinen der Natur- und Lebenswissenschaften. Im deutschsprachigen Raum ist eine offene Auseinandersetzung mit Open Access kaum vorhanden. Keine der Fachgesellschaften im deutschsprachigen Raum hat die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet. Die von ihnen herausgegebenen Zeitschriften Zeitschrift für Volkskunde, Zeitschrift für Ethnologie, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Österreichische Zeitschrift für Volkskunde erscheinen nicht originär im Open Access.

Im englischsprachigen Raum ist eine offene Auseinandersetzung mit Open Access hingegen bereits seit mehr als zehn Jahren vorhanden und sichtbar, was sich in der Zahl der Open-Access-Zeitschriften und den Aktivitäten spiegelt. Jedoch zählen auch die American Anthropological Association, das Royal Anthropological Institute und die Association of Social Anthropologists of the UK and Commonwealth nicht zu den Unterzeichnerinnen der Berliner Erklärung. Die von ihnen herausgegebenen Zeitschriften American Anthropologist, Journal of the Royal Anthropological Institute, Anthropology Today erscheinen ebenfalls nicht frei verfügbar. Social Anthropology, die Zeitschrift der European Association of Social Anthropologists, ebenso nicht.

Monografien und Sammelbände

In den sozial- und kulturanthropologischen Fächern haben Monografien und Sammelbände einen im Vergleich zu anderen Wissenschaftsdisziplinen hohen Stellenwert. Insbesondere Monografien gelten aufgrund der spezifischen Arbeitsweise als Standard der Verschriftlichung langjähriger Forschung (in Form sogenannter Ethnografien) und sind aufgrund dessen mit Prestige verbunden; der publizierende Verlag und das Vorliegen eines Printexemplars sind dabei wichtige Faktoren. Verhältnismäßig wenige Bücher aus den sozial- und kulturanthropologischen Fächern werden jedoch frei verfügbar veröffentlicht. In den letzten Jahren hat die Zahl der Open-Access-Bücher und entsprechenden Initiativen jedoch zugenommen.

Bei den deutschsprachigen Universitätsverlagen, die sich in der AG Universitätsverlage zusammengeschlossen haben und Open Access explizit unterstützen, können Monografien und Sammelbände Open Access veröffentlicht werden. Diese Option wird bereits für sozial- und kulturanthropologische Forschung genutzt. Zahlreiche britische und nordamerikanische Universitätsverlage bieten Open-Access-Optionen an.

Folgende Nicht-Universitäts-Verlage, in denen häufig Bücher aus den sozial- und kulturanthropologischen Fächern veröffentlicht werden, bieten eine Open-Access-Option (bei gleichzeitiger Printausgabe) explizit an:

 

Der Verlag HAU Books veröffentlicht seit 2015 anthropologische Klassiker und neue Werke ausschließlich im Open Access.

sind Open-Access-Verlage, die ebenfalls sozial- und kulturanthropologische Bücher publizieren.

In der OAPEN Online Library sind Open-Access-Bücher zu anthropologischen Themen zu finden. Das Directory of Open Access Books listet etwa 300 Bücher in den Kategorien „Anthropology“ und „Ethnology“.

Open-Access-Zeitschriften

Vertreter/innen der sozial- und kulturanthropologischen Fächer veröffentlichen einerseits in fachzentrierten Zeitschriften, andererseits in feldbezogenen Zeitschriften (bspw. zu Wissenschaftsforschung, Migrationsforschung, Gender Studies, Museumsforschung, Stadtforschung etc.) sowie in regionsbezogenen bzw. den verschiedenen Regionalwissenschaften zugehörigen Zeitschriften. Nachfolgend werden hauptsächlich fachbezogene Zeitschriften berücksichtigt.

Mit EthnoScripts – Zeitschrift für aktuelle ethnologische Studien und dem Hamburger Journal für Kulturanthropologie bestehen zwei deutschsprachige Open-Access-Zeitschriften, die beide von Instituten an der Universität Hamburg herausgegeben werden. Die Zeitschrift Forum Qualitative Sozialforschung ist für sozial- und kulturanthropologische Fächer aufgrund ihrer stark qualitativ ausgerichteten Methoden relevant.

Von der Zeitschrift für Volkskunde sind alle Jahrgänge, mit Ausnahme der letzten sechs Jahrgänge (Embargofrist), digital und frei verfügbar. Von der Zeitschrift Schweizerisches Archiv für Volkskunde sind alle Jahrgänge, die älter als zwei Jahre sind, digital und frei verfügbar. Von der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde sind alle Jahrgänge bis 2015 digital und frei verfügbar.

Nicht-deutschsprachige und insbesondere englischsprachige Open-Access-Zeitschriften gibt es hingegen bereits deutlich mehr. Das u. a. anthropologisch ausgerichtete Journal of Political Ecology ist eine der ersten und mit Etablierung im Jahr 1994 eine der am längsten existierenden Open-Access-Zeitschriften in den Sozialwissenschaften. Seit 1999 besteht die Zeitschrift Anthropology Matters, seit 2007 das Journal of Ethnology and Folkloristics, seit 2009 die neue, nur online publizierte Reihe des Journal of the Anthropological Society of Oxford, seit 2010 das Journal of Comparative Research in Anthropology and Sociology. Im Jahr 2011 erschienen drei neue, reine Open-Access-Zeitschriften: HAU: Journal of Ethnographic Theory, Urbanities – Journal of Urban Ethnography und Teaching Anthropology. Die 1986 gegründete Zeitschrift Cultural Anthropology wurde beginnend mit den Ausgaben des Jahres 2014 in ein Open-Access-Journal überführt. Außerdem sind bis 1982 alle Jahrgänge der Zeitschrift American Anthropologist, der Hauptzeitschrift der American Anthropological Association, frei zugänglich.

Aufgrund der Publikationsbreite in den sozial- und kulturanthroplogischen Fächern sowie der Zurechnung sowohl zu den Sozialwissenschaften als auch den Geisteswissenschaften und ebenso den Kulturwissenschaften kommen auch entsprechende feldbezogene Open-Access-Zeitschriften grundsätzlich infrage, wie zum Beispiel:

 

Multidisziplinäre Open-Access-Zeitschriften sind beispielsweise Open Library of Humanities, Heliyon und PLOS ONE. Die Zeitschrift für Kulturwissenschaften, die von Fachvertreter/innen mit herausgegeben wird, wechselte im Jahr 2016 auf ein Publikationsmodell, bei dem die Hefte ab 2014 zwölf Monate nach Erscheinen in digitaler Form frei verfügbar sind, jedoch fehlt die explizite Angabe einer freien Lizenz.

Das Directory of Open Access Journals listet mehr als 60 Zeitschriften in der Unterkategorie „Ethnology / Social and Cultural Anthropology“, darunter viele nicht deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften; einige andere Open-Access-Zeitschriften fehlen in der Auflistung.

Disziplinäre Repositorien

Es bestehen keine fachspezifischen Repositorien. Jedoch können das Social Science Open Access Repository, das SocArXiv und das Social Sciences Research Network genutzt werden. Infrage kommen, auch für andere Daten als Textpublikationen, ebenso die fachunspezifischen Repositorien Zenodo und OSF Registries. Aufgrund der bereits genannten multidisziplinären Ausrichtung kommen für bestimmte Gruppen ebenfalls spezifische Repositorien infrage, wie beispielsweise SavifaDok für Südasienwissenschaften.

Das Veröffentlichungen von Pre- und Postprints ist in den sozial- und kulturanthropologischen Fächern eher unüblich. Die Möglichkeit von Zweitveröffentlichungen wird ebenfalls wenig genutzt. Mit der Sammlung EVIFA-Schriften“ auf dem edoc-Server der Humboldt-Universität zu Berlin besteht eine (institutionsübergreifende) Möglichkeit, Manuskriptversionen von wissenschaftlichen Publikationen, die nicht mehr im Handel erhältlich sind, zu veröffentlichen.

Recherchieren in den sozial- und kultur­anthropologischen Fächern

Fachportale und Plattformen

Ein zentrales Fachportal für die sozial- und kulturanthropologischen Fächer ist EVIFA – Virtuelle Fachbibliothek Ethnologie, aufgebaut und betrieben von der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin (an der auch der Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie ansässig ist).

Zeitschriften und Zeitschriftenartikel sowie anthropologische Filme können mithilfe des Anthropological Index Online recherchiert werden. Der AnthroGuide ist ein Informationsdienst der American Anthropological Association. H-Net: Humanities and Social Sciences Online ist ein englischsprachiger, nicht fachspezifischer Informationsdienst, auf dem Informationen aus und für die sozial- und kulturanthropologischen Fächer gelistet werden. Das geschichtswissenschaftliche Fachportal H-Soz-Kult veröffentlicht auch Forschungsberichte, Rezensionen und Neuigkeiten aus der Kategorie „Europäische Ethnologie und Historische Anthropologie“.

Ende 2017 startete die Cambridge Encyclopedia of Anthropology, in der alle Enzyklopädieartikel im Open Access veröffentlicht werden. Das Portal Open Folklore listet frei verfügbare Ressourcen (u. a. Zeitschriften, Bücher und graue Literatur) aus den Folklore Studies.

Datenbanken

Das Datenbankinformationssystem DBIS listet in der Kategorie „Ethnologie (Volks- und Völkerkunde)“ aktuell 150 fachspezifische Datenbanken.

Open Science

Der Anspruch von Open Science, alle Arten wissenschaftlichen Wissens frei und offen zur Verfügung zu stellen und den Wissenschaftsprozess maximal zu öffnen, hat für sozial- und kulturanthropologische Fächer weitgehende Konsequenzen und stellt die Fächer vor große Herausforderungen. Ein fachspezifisches Netzwerk, das sich mit diesem Bereich befasst, ist die Open Anthropology Cooperative. Ein weiteres aus den sozial- und kulturanthropologischen Fächern heraus etabliertes Netzwerk, dass sich jedoch auf die Veränderung des Publikationswesens in den Sozialwissenschaften fokussiert, ist Libraria.

Wenn Wissenschaftler/innen Forschungsdaten öffentlich zugänglich machen (Open Data), sind regelmäßig Datenschutzbelange berührt, denn die mit anthropologischen Methoden erhobenen Daten (beispielsweise Interviews und Feldnotizen/-tagebücher) können personenbezogene, sensible und vertrauliche Informationen enthalten. Eine Veröffentlichung solcher Daten müsste im gesamten Forschungsprozess berücksichtigt werden und würde diesen verändern. Es ist eine Kernfrage, ob dies grundsätzlich möglich ist. Festzuhalten ist, dass qualitative Forschungsdaten unter diesem Aspekt anders betrachtet und behandelt werden müssen als quantitative Forschungsdaten.

Adäquate fachliche Datenrepositorien gibt es in Deutschland noch nicht. Eine Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex findet jedoch bereits statt. So ist beispielsweise ein Schwerpunkt des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Fachinformationsdiensts Sozial- und Kulturanthropologie die „Erhebung und Auswertung des Umgangs mit Forschungsdaten in der Sozial- und Kulturanthropologie sowie der Möglichkeiten zur Archivierung und Nachnutzung“.

Grundsätzlich ist die Veröffentlichung bzw. Bereitstellung von Forschungsdaten über entsprechende Repositorien, beispielsweise Zenodo, bereits möglich.

Ein offener Peer-Review-Prozess (Open Peer Review) wäre in den sozial- und kulturanthropologischen Fächern ebenso möglich wie in anderen Fächern, hier besteht kein nennenswerter Unterschied. Fachzeitschriften oder andere fachspezifische Publikationsmodelle, die ein offenes Peer-Review-Verfahren anwenden, gibt es bisher nicht.

Die Aspekte Open Source (öffentlicher und freier Quellcode von Software, im weiteren Sinne auch öffentliches und freies Zurverfügungstellen von Prozessschritten/Anleitungen) und Open Methodology führen für die sozial- und kulturanthropologischen Fächern letztendlich zu einer Frage: Wie transparent und nachvollziehbar ist der Forschungsprozess samt den verwendeten Methoden und wie kann eine größere Offenheit erreicht werden? Diese Frage ist für die sozial- und kulturanthropologischen Fächern jedoch nicht neu, sondern unterliegt schon länger einer stetigen Auseinandersetzung.

Da das Offenlegen und Erläutern des Forschungsprozesses und der Methoden traditionell in Textform geschieht, ist hier die Verbindung mit und die Relevanz von Open Access zu betonen. Auch in diesem Aspekt bestehen grundsätzliche Unterschiede zu stärker quantitativ arbeitenden Fächern. Im Falle der Anwendung quantitativer Methoden in den sozial- und kulturanthropologischen Fächern (beispielsweise beim Textmining) sollten jedoch entsprechende andere Prinzipien des Open Methodology und Open Source beachtet werden.

Das Bereitstellen offener und freier Lehrmaterialien (Open Educational Resources) ist eng mit der Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften im Open-Access-Modell verbunden. So erschien beispielsweise 2017 mit Perspectives: An Open Invitation to Cultural Anthropology das erste Lehrbuch, das sich als „peer-reviewed open access textbook for cultural anthropology courses“ bezeichnete.

Literatur

Zur Auseinandersetzung um Open Access im englischsprachigen Raum u. a.

  • Christopher M. Kelty: „Anthropology and the Open Access Debate“. Anthropology News 45 (7), S. 14–15. 2004. DOI: 10.1111/an.2004.45.7.14.2 (nicht open access verfügbar)
  • Christopher Kelty: „The State of Open Access Anthropology“. Anthropology News 49 (2), S. 9–10. 2008. DOI: 10.1525/an.2008.49.2.9
  • Christopher M. Kelty, Michael M. J. Fischer, et al.: „Anthropology of/in Circulation: The Future of Open Access and Scholarly Societies“. Cultural Anthropology 23 (3), S. 559–588. 2008. DOI: 10.1111/j.1548-1360.2008.00018.x (OA-Version)
  • Daniel Miller, Amita Baviskar, et al.: „Open Access, Scholarship and Digital Anthropology“. HAU: Journal of Ethnographic Theory 2 (1), S. 385–411. 2012. DOI: 10.14318/hau2.1.016
  • Jason Baird Jackson, Ryan Anderson: „Anthropology and Open Access“. Cultural Anthropology 29 (2), S. 263–263. 2014. DOI: 10.14506/ca29.2.04


Weitere Auflistungen von Open-Access-Zeitschriften

 

Autor: Marc Lange, Humboldt-Universität zu Berlin