Open Access in den Wirtschaftswissenschaften

Um die Rolle von Open Access in den Wirtschaftswissenschaften darzustellen, ist es wichtig, zunächst das Publikationsverhalten in dieser Disziplin insgesamt zu betrachten. Dabei sind die Fächer Volkswirtschaftslehre (VWL) und Betriebswirtschaftslehre (BWL) zu unterscheiden.
Für beide Fächer gilt, dass die Veröffentlichung in Fachzeitschriften die wichtigste Publikationsart darstellt, während Bücher und Buchaufsätze nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wie eine Untersuchung der ZBW aus dem Jahr 2009 zeigte, ist dabei (bezogen auf Deutschland) die VWL deutlich globalisierter, da über 90% der Veröffentlichungen auf englisch erfolgen, während in der BWL der englischsprachige Anteil nur bei knapp 60% liegt. Es ist zu vermuten, daß der Anteil der englischsprachigen Veröffentlichungen seitdem weiter zugenommen hat. Bei den Zeitschriftenverlagen spielen insbesondere in der VWL die großen internationalen Konzerne Elsevier, Wiley und Springer die wichtigste Rolle.
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Preprint-Kultur. Hier gilt für die VWL, daß fast jedes volkswirtschaftliche Institut bzw. jede Fakultät eine eigene Working-Paper-Reihe herausgibt, deren Veröffentlichungen zumeist ohne Verlagshilfe als PDF frei über die lokalen Webseiten zugänglich sind. Dies führt zu dem Effekt, dass fast alle Zeitschriftenaufsätze der großen Zeitschriften parallel auch als frei zugängliche Preprint-Version im Web zur Verfügung stehen. In der BWL gibt es diese Preprint-Kultur nur in einigen Subdisziplinen (wie z.B. Internationales Markting), auch wenn hier in den letzten Jahren eine leichte Zunahme zu verzeichnen ist.
Bei den Buchveröffentlichungen wird zunehmend hybrid (also print und online parallel) publiziert, wobei die internationalen Großverlage (Springer, Wiley, Taylor&Francis) hier Vorreiter sind. Die ebook-Versionen der Bücher werden dabei auf Campusebene immer stärker genutzt. Digital frei verfügbare Monographien sind dagegen nach wie vor die große Ausnahme. Generell spielen deutsche mittelständische Verlage wie NOMOS, Duncker&Humblot, Gabler und Schäffer-Poeschel bei der monographischen Literatur aber immer noch eine wichtige Rolle.

Open-Access-Zeitschriften

Gemessen an der Gesamtzahl von etwa 2500 wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften spielen Open-Access-Journale mengenmäßig mittlerweile eine gewisse Rolle. So listet das Directory of Open Access Journals derzeit knapp 500 wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften (Stand: Oktober 2014). Betrachtet man aber den Kernbereich der renommierten Zeitschriften, die es in die Rankings der Fachgesellschaften VfS und VHB oder vom Handelsblatt schaffen, dann liegt die Open-Access-Quote hier immer noch deutlich unter 5%. Ähnlich sieht es bei der Listung von Open-Access-Journalen im Social Science Citation Index (SSCI) aus.

Zu den wenigen Open-Access-Zeitschriften, die auch in den Rankings vertreten sind, gehören:

  • Quantitative Economics: Das andere Open-Access-Journal der “Econometric Society” erscheint seit 2010. Es hat anders als das Schwester-Journal „Theoretical  Economics“ einen anwendungsbezogenen Schwerpunkt.
  • Economics – The Open Access, Open Assessment E-Journal: Das 2007 gegründete Journal wird vom Institut für Weltwirtschaft herausgegeben und von der ZBW technisch betreut. Es verfügt über ein hochrangiges Editorial Board (u.a. mehrere Nobelpreisträger) und organisiert einen doppelten Begutachtungsprozess, bei dem neben dem klassischen Peer-Review alle angenommenen Beiträge auch durch registrierte Nutzerinnen und Nutzer der Zeitschrift bewertet werden (Open Assessment).
  • SERIEs: SERIEs ist das Journal der Spanish Economic Association. Es entstand 2010 aus der Fusion von zwei renommierten spanischen Fachzeitschriften, der "Spanish Economic Review" und der "Investigaciones Económicas".SERIES wird bei Springer im Rahmen von SpringerOpen als Open-Access-Zeitschrift verlegt.
  • Monthly Labor Review: The Monthly Labor Review erscheint seit 1915 wird vom U.S. Bureau of Labor Statistics herausgegeben. Das Themenspektrum umfasst alle Aspekte rund um den Bereich Arbeitsmarkt.


Darüber hinaus hat das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) - welches bereits seit vielen Jahren eine international renommierte Working-Paper-Reihe herausbringt - 2012 zeitgleich 5 Open-Access-Journals gestartet, die alle bei Springer im Rahmen von SpringerOpen verlegt werden. Dies sind im Einzelnen:

Obwohl die Journals bislang noch über keinen Impact Factor verfügen, ist eine Aufnahme in den SSCI in den nächsten Jahren wahrscheinlich.

Disziplinäre Repositorien

  • RePEc: Obwohl RePEc (Research Papers in Economics) im eigentlichen Sinne kein Repository darstellt, auf dem Volltexte abgespeichert werden, sondern lediglich einen  dezentral betriebenen Verbundkatalog mit Volltextlinks, darf die Auflistung hier allein schon deshalb nicht fehlen,  weil RePEc für viele Forschende schlicht das bekannteste Volltextangebot in den  Wirtschaftswissenschaften darstellt. Etwa die Hälfte  der dort verlinkten 1,5 Millionen Publikationen (v.a.  Journal Articles und Working Papers) sind dabei frei verfügbar. RePEc wird auf nichtkommerzieller Basis dezentral durch ein Team von Wissenschaftlern betrieben.
  • SSRN: Das  größte Fachrepository mit wirtschaftswissenschaftlichen Veröffentlichungen stellt SSRN (Social Science  Research Network). Wie der Name schon andeutet,  handelt es sich dabei um ein interdisziplinäres  Angebot,  welches die gesamten Sozialwissenschaften (und z.T. auch einige geisteswissenschaftliche Fächer abdeckt). Insgesamt hat man hier Zugriff auf knapp 500.000 Volltexte im Open Access, wobei ein recht großer Anteil auf den Bereich Wirtschaftswissenschaften entfällt.  SSRN  ist ein privatwirtschaftliches betriebenes Angebot (Betreiber ist die Social Science Electronic Publishing Inc. mit Sitz in Rochester, USA), welches sich durch institutionelle Beiträge der beteiligten Universitäten  und Forschungseinrichtungen finanziert.
  • EconStor: Der Publikationssserver der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft enthält über 80.000 Volltexte im Open Access, insbesondere aus der deutschen Wirtschaftsforschung. Dies sind vor allem Working Papers, aber auch Konferenzbeiträge und Zeitschriftenaufsätze. Die EconStor-Publikationen sind auch Teil des RePEc-Angebots und  werden darüber hinaus in Google Scholar und EconBiz nachgewiesen.
  • AgEcon Search: Das fachliche Repository wird von der University of Minnesota betrieben und hauptsächlich durch die Fachgesellschaft "Agricultural and Applied Economics Association" finanziert. Es enthält etwa 80.000 frei zugängliche Volltexte, v.a. aus den Bereichen der Agrarökonomie und der angewandten Ökonomik. Alle Publikationen auf AgEcon Search sind auch in RePEc nachgewiesen.
  • MPRA: Das Munich Personal RePEc Archive (MPRA) wird an der Uni München gehostet, enthält aber über 30.000 wirtschaftswissenschaftliche Publikationen aus aller Welt. Diese stammen in der Regel nicht von Institutionen oder Verlagen, sondern werden von Einzelforschern und -forscherinnen per Self-Upload eingereicht und dann von einem Redaktionsteam freigeschaltet und in RePEc nachgewiesen.

Recherchieren in den Wirtschaftswissenschaften

Für das Auffinden von Wirtschaftsliteratur gibt es neben den etablierten bibliographischen Fachdatenbanken wie EconLit oder ECONIS vor allem folgende Angebote:

  1. RePEc: enthält vor allem Working Papers (Open Access) und Beiträge aus Fachzeitschriften
  2. SSRN: enthält vor allem Working Papers (Open Access)
  3. EconBiz (inkl. RePEc und ECONIS): enthält Beiträge aus Fachzeitschriften, Working Papers (Open Access), Bücher und Buchaufsätze

Ausserdem suchen sehr viele Wirtschaftsforschende auch in Google Scholar.

Akteure

Relevant für die weitere Entwicklung des wirtschaftswissenschaftlichen Publikationsmarktes sind insbesondere  die verschiedenen Fachgesellschaften, z.B. national:

Und international (Auswahl):

Alle Fachgesellschaften sind Herausgeber von wichtigen Fachzeitschriften, wobei allerdings bislang nur die Econometric Society (mit Theoretical Economics und Quantitative Economics) und der VHB (mit Business Research) eigene Open-Access-Journals herausgeben. Ausserdem sind die Fachgesellschaften zumeist  auch als Veranstalter  wichtiger Fachtagungen aktiv. In diesem Zusammenhang ist aus Open-Access-Sicht relevant, daß der VfS seit 2010 alle Konferenzbeiträge seiner Jahrestagungen über EconStor bereitstellt.
Interessant ist auch die Royal Economic Society in Großbritannien, die als einzige Fachgesellschaften dezidiert auf Open Access auf ihren Webseiten eingeht, dies allerdings insbesondere vor dem Hintergrund des Open-Access-Mandats der nationalen Forschungsförder „Higher Education Funding Council for England (HEFCE)“ (vgl. hier).

Als wichtige Infrastruktureinrichtung im Bereich Open Access ist vor allem die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft zu nennen, die mit EconStor eines der wichtigsten  Fachrepositorien betreibt. Darüber hinaus hostet sie das Open-Access-Journal „Economics“ des IfW und ist beratend für die nationalen Fachgesellschaften tätig.

Wichtigster Open-Access-Fachverlag für die Wirtschaftswissenschaften ist Springer, der neben dem VHB-Journal „Business Research“ und den IZA-Journals auch „SERIES“, das Journal der Spanish Economic Association verlegt.

Open Science

In den Wirtschaftswissenschaften spielt die freie Verfügbarkeit von Forschungsdaten eine zunehmende Rolle. Dies betrifft vor allem Daten der amtlichen Statistik, die von den entsprechenden statistischen Ämtern national wie international nach dem Prinzip der  „Open Government Data“ frei im Internet zugänglich gemacht werden (vgl. z.B. das Angebot „GovData“ des Bundesinnenministeriums).

Darüber hinaus existiert seit einigen Jahren auf nationaler Ebene mit dem „Rat für Wirtschafts- und Sozialdaten“ (RatSWD), ein Gremium empirisch arbeitender Wissenschaftler/innen, welches sich u.a. zur Aufgabe gemacht hat, den Zugang zu Forschungsdaten zu verbessern.

Die ZBW bearbeitet zusammen mit dem RatSWD und anderen Partnern aktuell das DFG-Projekt EDaWaX, bei  dem es um die Data Policies und Data Archives bei wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften geht. Dabei stellt ein Ziel der verbesserte Zugang zu Forschungsdaten im Kontext von Zeitschriftenaufsätzen dar.

Literatur

Ralf Toepfer: “Publikationsverhalten in den Wirtschaftswissenschaften – Eine bibliometrische Analyse auf Basis der Fachdatenbank ECONIS“, in: ASpB-Tagungsband 2009, KIT Publishing 2011

Alexander von Humboldt-Stiftung (Hrsg): "Publikationsverhalten in unterschiedlichen
wissenschaftlichen Disziplinen"
(Diskussionspapier Nr.12, 2008)

Ted C Bergstrom und Rosemarie Lavaty: „How often do economists self-archive?”, University of California, Working Paper 2007

Diane Harley u.a.: “Assessing the Future Landscape of Scholarly Communication: An Exploration of
Faculty Values and Needs in Seven Disciplines”
, Center for Studies in Higher Education, UC Berkeley
2010

Klaus Wohlrabe und Daniel Birkmeier: “Do open access articles in economics have a citation
advantage?”
, MPRA Working Paper 2014 

 

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