Open Access in der Geschlechterforschung

Die Geschlechterforschung ist ein wissenschaftliches Feld, in dem sowohl disziplinär als auch inter- und transdisziplinär gearbeitet wird. Die Veröffentlichungspraktiken und -orte richten sich nach den involvierten Fachdisziplinen und sind entsprechend heterogen. Häufig sind sie von den Gepflogenheiten der Sozial- und Geisteswissenschaften geprägt.

Nachdem die Auseinandersetzung mit Open-Access-Publikationsmodellen zunächst zögerlich verlief, werden die Chancen des elektronischen Publizierens und insbesondere von Open Access heute zunehmend erkannt. Es gibt in der deutschsprachigen Geschlechterforschung mittlerweile eine Reihe von Open-Access-Publikationen, insbesondere bei Zeitschriften. Eine langsame Zunahme von Open-Access-Veröffentlichungen ist auch im Bereich der Bücher zu verzeichnen. International lassen sich zwei Entwicklungen unterschieden: Auf der einen Seite erscheinen einschlägige, überwiegend englischsprachige Publikationen zur Geschlechterforschung in großen kommerziellen Verlagen, die bis dato leider lediglich hybride Open-Access-Optionen gegen die Zahlung von Zusatzgebühren anbieten. Auf der anderen Seite ist eine wachsende Zahl von Open-Access-Publikationen in der nicht-englischsprachigen Welt zu verzeichnen, die gebührenfreie Open-Access-Modelle verfolgen und so einen wichtigen Beitrag zur Bibliodiversität leisten.

Aktivitäten der Fachgesellschaft Geschlechterstudien

Die Fachgesellschaft Geschlechterstudien positioniert sich aktiv für freies Publizieren. Als eine von vier Herausgeberinnen des Open Gender Journal und Trägerin der Open Gender Plattform hat die Fachgesellschaft Open Access als wichtiges Handlungsfeld in ihrem Aufgabenspektrum verankert. Innerhalb der Fachgesellschaft vernetzt die Arbeitsgruppe Open Digital Gender Studies zudem bestehende Initiativen und setzt sich mit aktuellen Entwicklungen im Bereich Open Access und Open Science auseinander.

Chancen für die Geschlechterforschung

Open-Access-Publizieren bietet gerade für die Geschlechterforschung enorme Chancen: Aufgrund von politischen Vorbehalten gegenüber der Geschlechterforschung und der uneindeutigen Verortung zwischen den Disziplinen sind ihre Ergebnisse Rezeptionssperren ausgesetzt. Open-Access-Publikationen können durch die mögliche größere Sichtbarkeit und den direkten Zugriff auf Volltexte diese Sperren überwinden und so ihre Qualität belegen.

Open-Access-Zeitschriften

Das Directory of Open Access Journals listet unter dem Stichwort "Gender" 116 Einträge (Stand: Februar 2021).

In Deutschland erscheinen folgende Open-Access-Zeitschriften im Bereich Gender Studies :

Diese Zeitschriften sind nicht nur kostenfrei zugänglich, sondern erfüllen auch durch die Nutzung von freien Lizenzen die Anforderungen an Open-Access-Publikationen. Lediglich 15 der im DOAJ verzeichneten Zeitschriften erheben APCs.

Disziplinäre Repositorien

Mit GenderOpen verfügt die Geschlechterforschung seit 2018 über ein disziplinäres Open-Access-Repositorium, das die langfristige Verfügbarkeit von Veröffentlichungen unter Open-Access-Bedingungen sichert. Das Repositorium informiert Autor*innen auch über ihre Rechte im Bereich der Zweitveröffentlichung und schafft so Bewusstsein für die Möglichkeiten, die ihnen im Rahmen des deutschen Urheber*innenrechts gegeben sind. Gezielte Kooperationen mit einschlägigen Fachverlagen ermöglichen in vielen Fällen die Zweitveröffentlichung von originalen Verlagsversionen sowie der zugehörigen Metadaten nach Ablauf einer Embargofrist.

Der Schlagwortindex GenderOpen ist ein im Rahmen von GenderOpen entwickeltes kontrolliertes Vokabular zur inhaltlichen Beschreibung von Publikationen aus der Geschlechterforschung. Er wird auch von einigen Zeitschriften, dem Digitalen Deutschen Frauenarchiv und der Gutachter*innen-Datenbank genutzt. GenderOpen erhielt 2019 das DINI-Zertifikat für Open-Access-Publikationsdienste. Eine Übersicht zu relevanten Repositorien bietet auch das Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR).

Sonstige hilfreiche Angebote

Open Access wurde in der deutschsprachigen Geschlechterforschung entscheidend durch einzelne Projekte vorangebracht. Das von der DFG geförderte Projekt “Geschlechterforschung und Open Access. Ein Publikationsmodell für ein inter-/transdisziplinäres Forschungsfeld” an der Freien Universität Berlin (2011–2012) war dafür richtungsweisend. Darin wurden die Chancen und Anforderungen an Open-Access-Publikationen in der Geschlechterforschung analysiert. Es wurde gezeigt, dass alle für die Umsetzung eines qualitätsgesicherten Open-Access-Publikationsangebots notwendigen technischen und rechtlichen Möglichkeiten vorhanden sind. Open-Access-Veröffentlichungen und elektronische Publikationsabläufe bringen jedoch zusätzliche Anforderungen mit sich, z. B. klare Rollenteilungen, Rechteklärungen, Anpassung an disziplinen- und länderübergreifende Standards.

Als weiteres Open-Access-Angebot ist das Projekt Open Gender Platform zu nennen. Darin wurden nachhaltige Ansätze für redaktionelle Workflows, Geschäftsmodelle und Qualitätssicherungsverfahren entwickelt und für die gesamte Geschlechterforschung nachnutzbar zur Verfügung gestellt. Hierzu zählt u. a. eine Gutachter*innen-Datenbank.  Dabei handelt es sich um ein Verzeichnis von Expert*innen, die ihre Bereitschaft erklärt haben, für Open-Access-Zeitschriften und -Bücher in Deutschland als Gutachter*innen zu fungieren.

Weiterhin bestehen zwischen dem Repositorium GenderOpen und den Verlagen Barbara Budrich und De Gruyter Kooperationen, auf deren Grundlage die elektronischen Volltexte in der originalen Verlagsversion sowie die dazugehörigen Metadaten aus bestimmten Zeitschriften nach Ablauf einer Embargofrist frei zur Verfügung gestellt werden können. Autor*innen haben dabei die Möglichkeit, schon bei der Veröffentlichung zu bestimmen, dass ihr Beitrag nach dieser Frist unter einer CC-Lizenz zur Verfügung gestellt werden soll. GenderOpen übernimmt die Freistellung der Beiträge dann automatisch. Dies gilt für folgende Zeitschriften:

Open Science in der Geschlechterforschung

Das Thema offene Forschungsdaten wird in der Geschlechterforschung nur zögerlich aufgegriffen. Nach einer Bedarfsanalyse zu Forschungsdateninfrastrukturen in den Gender Studies haben bisher nur wenige Forschende Erfahrung mit der Nachnutzung von Forschungsdaten gemacht. Die Schwierigkeiten bei der disziplinären Einordnung der Geschlechterforschung wiederholen sich auch in Bezug auf offene Forschungsdaten: Explizit für die Geschlechterforschung ausgewiesene Forschungsdatenrepositorien gibt es bislang nicht. Selbst bei guter Metadatenerfassung erfordert eine Recherche stets das Verfolgen unterschiedlicher Suchstrategien mit verschiedenen Speicherorten, Schlagworten und Disziplinen. Ob jedoch ein eigenständiger Speicherort für offene Forschungsdaten in einem inter- und transdisziplinären Feld wie der Geschlechterforschung angezeigt ist, in der mit vielfältigen Datenarten gearbeitet wird, ist noch nicht abschließend geklärt.

 

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Kathrin Ganz (letzte Überarbeitung: Februar 2021)