Open Access in der Linguistik

In der Linguistik hat das Thema Open Access seit 2012 zunehmend an Bedeutung gewonnen. Besonders entscheidend dafür waren die Gründung von Language Science Press durch die deutschen Sprachwissenschaftler Stefan Müller und Martin Haspelmath im Jahr 2014 sowie die Zeitschrift Glossa, die 2016 aus einem Konflikt zwischen dem Herausgebergremium der Zeitschrift Lingua und dem Verlag Elsevier entstanden ist. Ein wichtiger Vorläufer dieser beiden Initiativen ist die Plattform “eLanguage” der Linguistic Society of America, die 2006 durch Stephen R. Anderson und Dieter Stein gegründet wurde. Diese Plattform ist leider nicht mehr aktiv, einige ehemalige eLanguage-Zeitschriften wie Semantics & Pragmatics, Dialogue & Discourse und Journal of Historical Syntax werden jedoch erfolgreich weiter betrieben.

In allen drei Fällen handelt es sich um Scholar-led-Initiativen. Darauf reagieren die etablierten Verlage jetzt schrittweise aber stetig. Seit 2017 wird auch die Zeitschrift für Sprachwissenschaft – Hauszeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) – Open Access veröffentlicht.

Open-Access-Zeitschriften

Das Directory of Open Access Journals listet unter dem Stichwort Linguistics 709 Einträge (Indexed Journals, Stand Mai 2021). Davon sind die meisten sowohl für Autor*innen als auch für Leser*innen kostenlos, d.h. sie sind sogenannte “Diamond”-Open-Access-Zeitschriften. Eine weitere Auflistung von Open-Access-Zeitschriften in der Linguistik befindet sich im oaling-Blog

Wichtige Open-Access-Zeitschriften sind:


Daneben gibt es viele kleinere Zeitschriften, die auf die sprachwissenschaftliche Untersuchung bestimmter Sprachen oder Sprachfamilien spezialisiert sind, z. B. Studies in African Linguistics, Finno-Ugric Languages and Linguistics, oder Indo-European Linguistics.

Open-Access-Bücher

Unter dem Stichwort Linguistics listet das Directory of Open Access Books 1442 Titel. OAPEN verzeichnet unter der Rubrik Linguistics 7097 Titel. (Stand: Mai 2021)

Federführend in der Landschaft der Open-Access-Bücher ist Language Science Press, ein neuer Verlag, dessen Kosten hauptsächlich über ein Crowdfunding-Modell von Universitätsbibliotheken getragen werden. So ist es möglich auf Book Processing Charges (BPCs) zu verzichten. Inzwischen gibt es aber auch bei fast allen anderen Verlagen, bei denen regelmäßig Bücher in der Linguistik erscheinen, die Möglichkeit, Open-Access-Bücher gegen Zahlung von BPCs zu veröffentlichen.

Monografien und Sammelbände erscheinen immer häufiger als Open-Access-Bücher. Darüber hinaus gibt es jetzt bei MIT Press eine Reihe “Open Handbooks in Linguistics”. Auch Lehrbücher erscheinen in der Linguistik in zunehmendem Maße Open Access.

Disziplinäre Repositorien

Zu den wichtigsten Repositorien in der Linguistik gehören LingBuzz (allgemeine Sprachwissenschaft) und semanticsarchive.net (für die Kerngebiete Semantik und Pragmatik). Je nach Fachrichtung sind linguistische Beiträge auch unter Humanities Commons (CORE) oder arXiv.org zu finden.
Eine Übersicht der relevanten Repositorien bietet auch das Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR).

Sonstige hilfreiche Angebote

Das oaling-Blog bietet eine Liste mit Open-Access-Zeitschriften sowie einen Überblick über neuere Entwicklungen im Gebiet von Open Access in der Linguistik an.

LingOA (Linguistics in Open Access) fungiert als Dachverband für Open-Access-Zeitschriften und zielt darauf ab, bestehende subskriptionsbasierte Zeitschriften in Open-Access-Zeitschriften umzuwandeln.

Open-Access-Rezensionen werden regelmäßig in der Linguist List veröffentlicht.

Open Science in der Linguistik

Im Tromsø Repository of Language and Linguistics (TROLLing) kann man linguistische Forschungsdaten und Forschungssoftware hinterlegen.

Der Zugang zu Text- und Sprachkorpora spielt in den Sprachwissenschaften, insbesondere der Korpus- und Computerlinguistik, eine große Rolle. Die dominante Form der Bereitstellung von Korpora besteht darin, eine webbasierte (teils frei zugängliche, teils nach Registrierung kostenfrei nutzbare, teils nicht frei zugängliche) Abfragemöglichkeit einzurichten. Diese nutzt die Struktur und Annotation der Korpora optimal und erfordert weder Download noch Software-Installation. Allerdings können die Korpora und Tools selbst in der Regel nicht heruntergeladen und für die weitere Verarbeitung oder Analyse genutzt werden, was häufig auch urheberrechtliche Gründe hat.

Beispiele hierfür sind die COSMAS-Korpora des IDS (Institut für deutsche Sprache, Mannheim), Varitext (Französisch, Universität zu Köln) oder das DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache), bei dem ein Kernkorpus frei heruntergeladen werden kann. Ein offenes Modell wird hingegen von LAUDATIO (HU Berlin) verfolgt, das auf Korpora historischer Sprachstufen fokussiert ist. Eine große Zahl linguistischer Ressourcen (Daten, Werkzeuge, Handreichungen) ist in der europäischen Initiative LRE Map verzeichnet. In den Sprachwissenschaften spielt zudem der Open-Source-Gedanke eine zunehmende Rolle, insofern teilweise Werkzeuge mit offenen Lizenzen angeboten und verstärkt Aspekte der Standardisierung und Interoperabilität von Daten berücksichtigt werden.

Weiterführende Literatur

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Prof. Dr George Walkden, Prof. Dr. Christof Schöch.