Das erfahren Sie in diesem Artikel:

  1. Preprints sind frühe Fassungen wissenschaftlicher Publikationen, die der (Fach-)öffentlichkeit in der Regel ohne vorherige Begutachtung zur Verfügung gestellt werden.
  2. Die vor allem in der Physik und anderen Naturwissenschaften weit verbreiteten Preprints werden frei zugänglich auf Preprint-Servern veröffentlicht und leisten einen wichtigen Beitrag zum „grünen Weg“ des Open Access.
  3. Preprint-Server ermöglichen die Herausgabe von sogenannten Overlay-Journals - Online-Zeitschriften, die die Infrastruktur einer Preprint-Plattform zur Einreichung und Veröffentlichung nutzen.

Preprints

Was sind Preprints?

Preprints sind Vorabversionen oder Manuskriptfassungen von wissenschaftlichen Publikationen, insbesondere Zeitschriftenartikeln, die der (Fach-)öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. In der Regel handelt es sich um noch nicht begutachtete Versionen, deren Veröffentlichung vor allem dem beschleunigten Austausch von Forschungsergebnissen dient. Preprints werden frei zugänglich auf Preprint-Servern veröffentlicht, wodurch sie auch einen wichtigen Beitrag zum „grünen Weg“ des Open Access leisten.

Merkmale von Preprints

Zwischen der Einreichung eines Manuskripts und der Veröffentlichung in einer Zeitschrift können viele Monate vergehen. Durchschnittlich dauert der Peer-Review-Prozess bei wissenschaftlichen Zeitschriften laut einer Studie 17 Wochen (Huisman & Smits, 2017), hinzu kommen Zeiten für Layout sowie ggf. auch Lektorat und Druck der Zeitschrift. Um die Verbreitung von Forschungsergebnissen zu beschleunigen, werden in vielen Fächern Preprints geteilt.

Die Fachkulturen unterscheiden sich allerdings stark. In der Physik sind Preprints ein unverzichtbares Werkzeug der Kommunikation – je nach Teilgebiet werden über 90 % aller Zeitschriftenartikel vorab auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht (Gentil-Beccot et al., 2009). In vielen anderen Fächern hat sich unter den Autor*innen hingegen noch keine vergleichbare Preprint-Kultur etabliert. Dort kann es auch sein, dass nicht alle Zeitschriften Manuskripte annehmen, die bereits als Preprint veröffentlicht wurden.

Preprints haben in der Regel noch keine wissenschaftliche Qualitätssicherung erfahren. Sie können sich also von der veröffentlichten Version inhaltlich deutlich unterscheiden bzw. werden ggfs. überhaupt nicht zur Veröffentlichung angenommen. Während dies der Fachwelt bewusst ist, kann es zu Problemen kommen, wenn z.B. Medien Ergebnisse aus Preprints aufgreifen und ohne Hinweise und entsprechende Einordnung an ein großes Publikum verbreiten. Zur besseren Einschätzung durch eine nicht wissenschaftliche Leserschaft sind medizinische Preprint-Server mit entsprechenden Warnhinweisen versehen.

Preprint-Server

Prinzipiell können Preprints auf allen möglichen Wegen, etwa per E-Mail, in institutionellen Repositorien oder auf Webseiten von Forschungseinrichtungen verbreitet werden. Üblicherweise werden sie aber auf Preprint-Servern hochgeladen, die meist spezifisch für ein oder mehrere Fachgebiete sind. Auf diesen Plattformen findet kein Peer Review statt, in der Regel aber eine elementare Eingangskontrolle, ob eine hochgeladene Publikation wissenschaftlich ist und zum fachlichen Spektrum passt.

Preprint-Server sind häufig aus der Community heraus entstanden und werden gemeinschaftlich finanziert. Hinter einigen stehen Forschungseinrichtungen oder Fachgesellschaften, selten werden sie von Verlagen betrieben.

Der älteste und größte Preprint-Server ist das 1991 gegründete arXiv für acht Fachgebiete, darunter Physik, Mathematik und Informatik. Es enthält mittlerweile mehr als 1,8 Millionen Dokumente (Stand: April 2021). Andere wichtige Plattformen sind bioRxiv (Biologie), SocArXiv (Sozialwissenschaften), EarthArXiv (Geowissenschaften), medRxiv (Medizin) und ChemRxiv (Chemie).

Die Funktionalitäten sind je nach Plattform unterschiedlich. In der Regel kann, z. B. nach Annahme des Artikels durch eine Zeitschrift, eine aktualisierte Version hochgeladen und auf die Zeitschriftenversion verwiesen werden. Manche Plattformen bieten auch eine Kommentarfunktion, um den Autor*innen Feedback zu geben und die Ergebnisse in der Community zu diskutieren.

Geschichte

Bereits in den 1960er-Jahren gab es in der Biologie ein System, in dem über eine zentrale Stelle aktuelle Forschungsergebnisse, insbesondere in Form von Vorabversionen von Artikeln, vervielfältigt und per Post versandt wurden (Cobb, 2017). Auch in der Hochenergiephysik wurde Ähnliches praktiziert (Gentil-Beccot et al., 2009). Mit dem Aufkommen des Internets wurde der Austausch von Manuskripten wesentlich einfacher, die nun per E-Mail verbreitet werden konnten. 1991 gründete Paul Ginsparg am Los Alamos National Laboratory arXiv als Server für Preprints aus der Hochenergiephysik (Ginsparg, 2017). Die Manuskripte standen damit allen Interessierten frei zur Verfügung. arXiv öffnete sich auch für andere Gebiete der Physik sowie für Mathematik, Informatik  und angrenzende Gebiete wie Finanzmathematik oder Quantitative Biologie. Erst nach der Jahrtausendwende fand arXiv Nachahmer in anderen Fächern. So ging 2013 bioRxiv als Preprint-Server für die Biologie an den Start, wodurch die Verbreitung von Preprints auch in den Lebenswissenschaften populärer wurde. In der Biologie propagiert die Initiative ASAPbio die Nutzung von Preprints. Begünstigt durch den Erfolg des Open Science Frameworks (OSF), einer Open-Source-Infrastruktur, die u.a. den Upload von und das Suchen nach Preprints ermöglicht, gab es ab 2016 einen regelrechten Boom an Preprint-Servern für die unterschiedlichsten Fachgebiete. Dennoch ist die Akzeptanz von Preprints und die Bereitschaft, sie zu teilen, nach wie vor je nach Fachgebiet sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während der Covid-19-Pandemie spielen Preprints eine wichtige Rolle in der raschen Verbreitung, Prüfung und Korrektur von Forschungsergebnissen zum SARS-CoV-2-Virus (Fraser et al., 2020; Gianola et al., 2020).

Preprints als Teil von Open Science

Anders als Zeitschriftenartikel, die sich häufig hinter einer Bezahlschranke befinden, sind Preprints dauerhaft frei zugänglich und bilden damit einen wichtigen Baustein des „grünen Wegs“ zu Open Access. Wenn sie mit der Zeitschriftenversion verlinkt sind, können sie über Dienste wie Unpaywall gefunden werden, falls der Zeitschriftenartikel nicht frei zugänglich ist. Zusätzlich machen Preprints den Prozess des Gewinns und der Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen transparenter. Sie ermöglichen noch vor der endgültigen Veröffentlichung eine kritische Diskussion in der Community, die Autor*innen können somit zusätzliches Feedback zu den eigentlichen Gutachten erhalten und berücksichtigen. Preprints bilden so die Grundlage für informelles oder formalisiertes Open Peer Review (Frick, 2020).

Overlay Journals

Preprint-Server ermöglichen die Herausgabe von sogenannten Overlay-Journals (Gowers, 2015). Das sind Online-Zeitschriften, die die Infrastruktur einer Preprint-Plattform, insbesondere von arXiv, zur Einreichung und Veröffentlichung nutzen. Autor*innen laden die Artikel auf arXiv hoch und melden sie bei der entsprechenden Zeitschrift, die den Begutachtungsprozess organisiert und bei Annahme des Artikels diesen in die Zeitschrift aufnimmt, also von ihrer Webseite verlinkt, mit einer Nummer, DOI und ggf. einem Kommentar der Herausgeber*innen versieht. Auf diese Weise werden die Vorteile von arXiv (kostengünstig, frei zugänglich, bekannte Infrastruktur) mit den Vorteilen einer Zeitschrift (begutachtet, Renommee, ggf. Impact Factor) kombiniert. Erfolgreiche Beispiele sind SIGMA: Symmetry, Integrability and Geometry: Methods and Applications, Logical Methods in Computer Science (LMCS), Discrete Analysis oder Quantum.

Literatur

Cobb, M. (2017). The prehistory of biology preprints: A forgotten experiment from the 1960s. PLOS Biology, 15(11). https://doi.org/10.1371/journal.pbio.2003995

Fraser, N., Brierley, L., Dey, G., Polka, J. K., Pálfy, M., Nanni, F., & Coates, J. A. (2021). Preprinting the COVID-19 pandemic. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2020.05.22.111294

Frick, C. (2020). Peer-Review im Rampenlicht. Ein prominentes Fallbeispiel. Informationspraxis, 6(2). https://doi.org/10.11588/ip.2020.2.74406

Gentil-Beccot, A., Mele, S., & Brooks, T. (2009). Citing and Reading Behaviours in High-Energy Physics. How a Community Stopped Worrying about Journals and Learned to Love Repositories. arXiv. https://arxiv.org/abs/0906.5418

Gianola, S., Jesus, T. S., Bargeri, S., & Castellini, G. (2020). Characteristics of academic publications, preprints, and registered clinical trials on the COVID-19 pandemic. PLoS ONE, 15(10). https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240123

Ginsparg, P. (2017). Preprint Déjà Vu: an FAQ. arXiv. https://arxiv.org/abs/1706.04188

Gowers, T. (2015, September 10). Discrete Analysis - an arXiv overlay journal. Gowers’s Weblog. https://gowers.wordpress.com/2015/09/10/discrete-analysis-an-arxiv-overlay-journal/

Huisman, J., & Smits, J. (2017). Duration and quality of the peer review process: the author’s perspective. Scientometrics, 113, 633–650. https://doi.org/10.1007/s11192-017-2310-5

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